Interview: "Ostmärker sind Experten für den Balkan"

5. Jänner 2007, 11:07
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Banken waren Teil eines totalitären Systems und verstanden es, in diesem ihre Interessen durchzusetzen erklärt Zeithistoriker Oliver Rathkolb dem STANDARD

STANDARD: Sie haben sich fünf Jahre lang mit der Geschichte von Creditanstalt-Bankverein (CA), Länderbank, Zentral-sparkasse (Z) und Sparkassen in der NS-Zeit beschäftigt. Was hat Sie am meisten überrascht?

Venus: Dass die Sparkassen, und da besonders die Z, 1938/39 eine Rolle beim Vermögensentzug durch das NS-Regime gespielt haben; wenn auch nicht in großem Stil. Und wie sehr sie, durch den Verlust von Sparguthaben, selbst davon betroffen waren.

Rathkolb: Mich das Ausmaß der Ostexpansion der CA ab 1939, 1940. Zudem die Figur von Josef Joham, dem damaligen CA-Chef. Er war vom Ständestaat eingesetzt worden und blieb bis 1959 Bankchef. Ich wusste, dass er sehr anpassungsfähig war, aber nicht, wie weit er dafür ging.

STANDARD: Die Rolle von Z und Sparkassen wurde erstmals untersucht. Wie schlug sich der "Anschluss" auf sie nieder?

Venus: Bei den Sparkassen gab es zwei Phasen. Bis Ende 1939 sind die Sparguthaben spürbar eingebrochen, besonders in Wien schlug sich die Enteignung der Juden bei Z und der Ersten Österreichischen stark nieder. Das wurde ab 1939 durch Zunahme der Zweigstellen ausgeglichen. Ab 1941 wuchsen die Spar- und Giroguthaben enorm, weil der Konsum durch Rationierung wichtiger Güter geknebelt war. Dazu kamen deutsche Sparpropaganda, Aktionen wie "Eisernes Sparen", Sparaktionen für Schüler und HJ oder Zwangsarbeitersparen. Andererseits brach das Kreditgeschäft bis 1944 völlig zusammen. 1945 war die Z de facto pleite. Sie saß nicht nur auf wertlosen Staatspapieren, sondern auch auf wertlosen Aktiva, wie Hypothekarkrediten für zerbombte Häuser in Wien.

STANDARD: Z-Chef Schmidt war ein Großdeutscher (antiklerikal, antisemitisch und für den Anschluss), der 1938 der NSDAP beitrat. Wie agierte er?

Venus: Schmidt war einer der besten Sparkassenmanager Österreichs, der 1934 vom christlich-sozialen Nationalbankgouverneur Viktor Kienböck in die sozialdemokratische Z entsandt wurde. Er passte sich im März 1938 sofort den neuen Loyalitäten an. Er hat die Chance genützt, kräftig zu expandieren. Er und seine Kollegen hatten keine Scheu, im Arisierungsgeschäft mitzumischen, indem sie reichsgestützte Gewerbekredite für "Klein-Ariseure" von jüdischen Geschäften, Gasthäusern, Betrieben vergaben. Diese Kleinkredite mit oft unzureichenden Sicherheiten hätten Sparkassen ohne staatliche Garantien sonst nur mit großen Bedenken oder gar nicht vergeben. Die Erste war in diesem Geschäft bis 1942 kaum vertreten. Die Z hätte offenbar gern eine größere Rolle gespielt, aber das Geschäft mit der "Arisierung" der Großindustrie war den Großbanken vorbehalten.

STANDARD: Die Z hat bei der Kriegsfinanzierung mitgetan.

Venus: Ja, aber in sehr engem Rahmen. Zusammenfassend kann man sagen, dass sie zwar im Einlagengeschäft massiv expandieren konnte, im Aktivgeschäft aber doch eine Sparkasse zur Finanzierung des regionalen und kommunalen Bedarfs blieb.

STANDARD: Die CA kam nach 1938 unter Kontrolle der Deutschen Bank. War die CA Instrument der Nazis und gleichzeitig Akteur?

Rathkolb: Auf der einen Seite wurde sie durch den Verkauf von Industriebeteiligungen wie Steyr oder Donaudampfschifffahrtsgesellschaft massiv beschnitten. Auf der anderen hat das Management versucht, diesen Einflussverlust zu kompensieren und massiv zu expandieren, besonders im Südosten wie Jugoslawien. Die CA bekam klar abgesteckte Gebiete zugewiesen, im Protektorat Böhmen und Mähren und in Polen ist sie den deutschen Playern dort auf die Zehen getreten. Dieses Stereotyp aus deutscher Sicht ist uns ja bis heute geblieben: Die "Ostmärker" sind die Experten für den Balkan.

Venus: Die Frage, die man stellen muss: War die Ostexpansion im Krieg ökonomisch erfolgreich oder ein Desaster?

Rathkolb: Ich glaube, kein Desaster. Der CA ist es gelungen, die Verluste in Grenzen zu halten. Wirklich desaströs war der Gesamtzusammenbruch des "Reichs" inklusive Währungssystem. Sowohl Länderbank als auch CA waren 1945 de facto in Konkurs, verdankten ihre weitere Existenz nur der Verstaatlichung und öffentlichen_Geldern. Zudem konnten beide Banken exklusiv Marshallplan-Kredite verteilen – ein sehr nettes und einträgliches Geschäftsfeld.

STANDARD: Die Abgabe der Industriebeteiligungen hat sich für die CA nach dem Krieg gerechnet: Sie präsentierte sich als Opfer und wurde entschädigt, was den Grundstein ihres Aufstiegs bilden sollte.

Rathkolb: Ja, die CA hatte zwei Rollen: als Restitutionswerber, weil sie Beteiligungen unter ihrem Wert hatte verkaufen müssen. Als Täter und Restitutionsgegner sah sie sich Ansprüchen jüdischer Kunden gegenüber. Joham hat in den ersten Tagen nach Kriegsende eine unglaublich NS-kritische Rede gehalten. Als er aber erkannte, dass die provisorische Staatsregierung Renner kein Interesse an Restitution und Entschädigung hatte, schwenkte er voll um. Schon im November 1945 hat er den Alliierten ein Dossier präsentiert, in dem er minutiös jede abgegebene Industriebeteiligung als Verlust auflistete.

STANDARD: Damit tat er es dem Staat gleich. Es galt die Opferdoktrin, die Sie "antiquiert und unhistorisch" nennen.

Rathkolb: Ja. Die staatlichen Rahmenbedingungen haben Joham diesen Spielraum ermöglicht. Auf restituierten Beteiligungen konnte er nach 1945 aufbauen, die CA voll durchstarten.

STANDARD: Waren die Banken "Arisierungsgewinner"?

Venus: Die "Arisierungen" waren für die Banken eigentlich ein Problem: Man hat damit 1938/39 jüdische Kreditnehmer verloren, musste deren Kredite abschichten.

Rathkolb: Die Vorstellung, Österreichs Großbanken seien "Arisierungsgewinner", muss man deutlich relativieren. Die damaligen Manager haben sich auf die technische Abwicklung beschränkt; wenn auch nicht aus moralischen oder ethischen Gründen.

STANDARD: Wie haben Banken von Reich und Krieg profitiert?

Rathkolb: Nicht so sehr wie die Industrie. In der langen Wachstumsphase der Nachkriegszeit haben die zwei verstaatlichten Großbanken CA und Länderbank aber von ihren Beteiligungen profitiert. Doch man darf nicht vergessen, dass die wirtschaftliche "Erholung" Österreichs ohne den Protektionismus der Alliierten und die Gesetzgebung nicht so rasch gegangen wäre.

STANDARD: Können Sie den Beitrag bemessen, den die Banken zum Erhalt des NS-Regimes und zum Krieg leisteten?

Rathkolb: Es gibt keinen Beitrag, weil die Banken Teil eines totalitären Systems waren, das auch wirtschaftspolitisch-strategisch auf perfekte Kontrolle angelegt war. Venus: Wobei man schon sagen muss: Die Großunternehmen und Banken haben es verstanden, sich in diesem Apparat zu artikulieren, um ihre Interessen durchzusetzen. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.11.2006)

Die Personen
Oliver Rathkolb (51) ist Zeithistoriker und Professor an der Uni Wien. Er leitet das Ludwig Boltzmann Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit.

Theodor Venus (54) ist Historiker und lehrt am Institut für Publizistik der Uni Wien. Beide haben sich, auch im Rahmen der Historiker-Kommsission, intensiv mit der Entziehung jüdischer Vermögen befasst und zuletzt mit der Geschichte der Bank Austria Creditanstalt.
  • Mit der Arbeit über Banken in der NS-Zeit ist der Holocaust-Vergleich erfüllt. Die Autoren U. Zimmerl, T. Venus, G. Feldman, O. Rathkolb mit BA-CA-Banker J. Strobl.
    foto: standard: regine hendrich

    Mit der Arbeit über Banken in der NS-Zeit ist der Holocaust-Vergleich erfüllt. Die Autoren U. Zimmerl, T. Venus, G. Feldman, O. Rathkolb mit BA-CA-Banker J. Strobl.

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