Das T-Shirt als Hardware

28. November 2006, 20:59
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Hightech in der Kleidung: Ein Trend wird nun auch in Österreich mit einem Förderprogramm seine Spuren hinterlassen - Doris Agneter im STANDARD-Interview

Hightech in der Kleidung: Ein Trend wird nun auch in Österreich mit einem Förderprogramm seine Spuren hinterlassen. Ausgeschrieben wird der Call von der Tecnet Capital Technologiemanagement. Christian Prenger sprach mit deren Geschäftsführerin Doris Agneter.

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STANDARD: Die Tecnet Capital Technologiemanagement organisiert einen Call zum Thema "Intelligente Textilien". Welche Rolle werden Techniker in Zukunft in der Modebranche spielen - eine größere vielleicht als die Designer selbst?

Agneter: Design wird natürlich immer ein Teil der Bekleidungsindustrie sein. Darüber hinaus entwickeln sich aber auch in diesem Bereich neue Anforderungen und Anwendungen. Durch innovative Technologien, etwa durch die Möglichkeit, Sensoren zur Überwachung der Körperfunktionen von Patienten in die Bekleidung zu integrieren, wird Bekleidung künftig intelligente Funktionen übernehmen.

STANDARD: Was kann man sich darunter vorstellen?

Agneter: Textile Materialien und Strukturen werden immer mehr zur Hardware, die als Träger vielfältiger neuartiger Funktionen eingesetzt wird. Hier eröffnen sich neue Möglichkeiten durch Erkenntnisse aus Nanotechnologie, Biotechnologie, Chemie oder Elektronik. Textilien können bislang ungeahnte Funktionen übernehmen.

STANDARD: Gibt es ein konkretes Beispiel?

Agneter: Neben den schon angesprochenen Anwendungen in der Medizin können intelligente Textilien auch eine wesentliche Rolle im Arbeitsschutz übernehmen. Maschinen erkennen damit ausgestattete Arbeiter im Gefahrenbereich und werden automatisch abgeschalten.

STANDARD: Was ist das genaue Ziel des Calls Intelligente Textilien?

Agneter: Unser Ziel ist, die Industrie mit den Forschungsinstitutionen zu vernetzen und eventuell vorhandene Berührungsängste abzubauen. Außerdem soll insbesonders für kleine und mittlere Unternehmen die Möglichkeit geschaffen werden, auf Forschungsergebnisse zugreifen zu können. Gerade diesen Firmen mangelt es oft an Budget. Wir hoffen auf Entstehung neuer und auf den Ausbau vorhandener Kooperationen.

STANDARD: Können KMUs hier tatsächlich im nötigen Ausmaß profitieren?

Agneter: Sicher. Große Firmen betreiben in der Regel ihre eigenen Forschungsabteilungen, kleinere Betriebe sind doch limitiert, obwohl da Nachfrage besteht. Gerade der KMU-Bereich profitiert von einer Vernetzung mit Forschungsinstitutionen und vom Technologietransfer.

STANDARD: Warum steht speziell dieses Thema im Mittelpunkt?

Agneter: Die Textilindustrie in Niederösterreich verfügt über eine lange Tradition, die sich jedoch im Zeitalter der Globalisierung - Stichwort Auslagerung der Produktion in Billiglohnländer - weiterentwickeln muss. Die Konkurrenzfähigkeit kann nur durch neue, technologisch anspruchsvolle Produkte erhalten werden. Wir werden natürlich kaum verhindern können, dass T-Shirts in Billiglohnländern produziert werden. Aber Innovationen können unserem Standort Vorteile bringen.

STANDARD: Ziemlich sicher werden sich Kritiker finden, die meinen: Die gescheite Hose oder Jacke ist doch mehr ein Gag für Marketingzwecke.

Agneter: Zum wirtschaftlichen Erfolg gehört auch ein entsprechendes Marketing, um die erforderliche Aufmerksamkeit auf einem Markt zu bekommen, der ohnehin schon sehr intensiv umkämpft ist. Wir wollen mit unserem Call jedoch vor allem anwendungsorientierte Projekte fördern, die einen klaren Mehrwert für den Benutzer aufweisen, um so Standort und Arbeitsplätze in Niederösterreich zu schaffen und zu sichern. Besonders freuen würden wir uns, wenn damit ein Anreiz zur Gründung neuer technologieorientierter Unternehmen geschaffen wird.

STANDARD: Welche Branchen gelten denn als echte Hoffnungsträger, was den Einsatz solcher technologisch optimierten Textilien betrifft?

Agneter: Hier reicht der Bogen von der Automobilindustrie zur Luft- und Raumfahrt, vom Bauwesen bis zur Industrietechnik. Weitere Bereiche sind Personen- und Sachschutz sowie Medizin und Hygiene. Aber auch nicht zu vergessen der Sportsektor sowie die Heim- und Haustextilien.

STANDARD: RFID (Radio Frequenzy Identification), der Nachfolger des Barcodes, ist eine berührungslose Technologie, die von der Überwachung bis zur Logistik vieles verbessern soll. Durchgesetzt hat sich der Funkchip noch nicht. Löst das Zweifel am prognostizierten Höhenflug von intelligenten Textilien aus?

Agneter: Natürlich muss Technik auch akzeptiert werden. Dafür ist es notwendig, sämtliche Vorteile, die eine neue Technologie bietet, auch zu kommunizieren. Hier spielen auch organisatorische Fragen sowie finanzielle Aspekte in den Unternehmen eine Rolle. Da unser Call bereits in der Ausschreibung stark auf Nutzwert abstellt, sollte die Akzeptanz von Innovationsprojekten gegeben sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 29. November 2006)

Zur Person
Doris Agneter (41) ist seit 2005 Geschäftsführerin bei der Tecnet Capital Technologiemanagement, die zuständig ist für den Bereich der Technologiefinanzierung in Niederösterreich. Die Mutter von zwei Töchtern sammelte ihre beruflichen Erfahrungen unter anderem bei der Raiffeisen Centrobank AG sowie bei der FGG Finanzierungsgesellschaft mbH / Ost-West Fonds (jetzt AWS, Austria Wirtschaftsservice).

Doris Agneter arbeitete in einigen Expertengruppen der European Commission und bekleidet weiters Lehraufträge an mehreren Unis. (pren)

  • Doris Agneter, Geschäftsführerin bei der Tecnet Capital Technologiemanagement, glaubt, dass sich Standorte wie Niederösterreich mit Ideen und Innovationen Vorteile gegenüber Billiglohnländern verschaffen können.
    foto: der standard/urban

    Doris Agneter, Geschäftsführerin bei der Tecnet Capital Technologiemanagement, glaubt, dass sich Standorte wie Niederösterreich mit Ideen und Innovationen Vorteile gegenüber Billiglohnländern verschaffen können.

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