Hinweise vom eigenen Reisekoffer

28. November 2006, 20:58
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Pervasive-Computing-Forscher Alois Ferscha im STANDARD-Interview über Aufmerksamkeits- Ökonomie und Akzeptanz der neuen Helferlein

Unsere Umgebung wird mit immer mehr mitdenkender Elektronik bestückt. Michael Freund spricht mit Pervasive-Computing-Forscher Alois Ferscha über Aufmerksamkeitsökonomie und Akzeptanz der neuen Helferlein.

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STANDARD: Herr Professor Ferscha, welche Entwicklungen der letzten Jahre sind aufmerksamkeitsökonomisch gedacht bzw. konstruiert?

Ferscha: Es ist heute gut erforscht, dass nicht das Technische die Grenzen der Informationstechnologie festlegt, sondern die menschliche Aufmerksamkeit. Neue multimediale digitale Geräte sind daher nicht nach dem Ingenieurseifer technologischer Machbarkeit, sondern nach den Prinzipien der Aufmerksamkeitsökonomie zu gestalten. Ein "guter Computer" ist demnach ein solcher, bei dem man nicht merkt, dass man mit ihm zu tun hat - also beispielsweise Autositze die die einsteigende Person erkennen und die Fahrzeugdynamik automatisch anpassen.

Am Institut für Pervasive Computing haben wir einige Entwicklungen, die sich daran orientieren. Beispielsweise ein digitaler Reisekoffer, der darauf hinweist, dass ein sonst auf Dienstreisen mitgenommenes Gerät noch nicht gepackt ist, oder ein Navigationssystemdisplay, das nicht einen roten Richtungspfeil auf schwarzem Bildschirmhintergrund anzeigt, sondern eine Mixed-Reality-Darstellung, bestehend aus einem Kamerabild der Straße mit einer gelben Hervorhebung der richtigen Fahrbahn. Dadurch werden gegenüber Navigationssystemen kritische Sekunden der Aufmerksamkeitsablenkung vermieden.

STANDARD: Entwicklungen Ihres Teams gehen in Richtung "gar keine Geräte", das heißt, deren Intelligenz wird möglichst unsichtbar eingebaut. Wo gibt es das schon, wo wird es das bald geben?

Ferscha: Ein Beispiel: Unsere Softwarearchitektur für "Display Ecologies" erlaubt es, die primären Funktionen des Fernsehens apparatefrei auf den Wohnraum abzubilden. Das Fernsehbild wird an der Wohnzimmerwand, am Gangfußboden, prinzipiell auf jeder Fläche im Haushalt angezeigt. Ein Positions- und Aktivitätserkennungsmodul, das man als Schlüsselanhänger trägt, erkennt Raum, Orientierung und Aktivitäten wie Stehen, Gehen, Sitzen, Liegen und leitet davon situationsbezogen den Bedarf des Benutzers ab.

STANDARD: Haben Sie Daten über die Akzeptanz von einer Umgebung, die dauernd weiß, was ich will? Ist diese Intelligenz abstellbar?

Ferscha: Aus der Sicht der Benutzerakzeptanz steht hier eine Reihe von "Positiv-Szenarien" (Fahrzeugkontrollsysteme, Gesundheitsbetreuung, intelligente Haushaltssysteme etc.) einer mindestens so großen Menge von "Negativ-Szenarien" (nicht einwandfrei funktionierende oder unkontrollierbare Systeme, Fehlsteuerung, kollektives Gerätefehlverhalten etc.) gegenüber.

Dass heute, nach nur 15-jähriger Entwicklung der GSM-Telefonie, knapp ein Drittel der Menschheit mobil telefoniert, deutet auf eine sehr hohe Nutzenbewertung - und zwar so hoch, dass es das persönliche Risiko einer durchgehenden Überwachung und dazugehörigen Auswertung übersteigt. (DER STANDARD, Printausgabe, 29. November 2006)

Zur Person
Alois Ferscha (44) leitet das Institut für Pervasive Computing an der Uni Linz und das Researchstudio for Pervasive Computing.
  • Pervasive-Computing-Forscher Alois Ferscha.
    foto: der standard

    Pervasive-Computing-Forscher Alois Ferscha.

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