Die Zukunft auf der Nase

28. November 2006, 19:23
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Das Immaterielle zieht es in Handelsware in Geräte und in die Privatsphäre ein: in Form von unsichtbarer Computer-Intelligenz

Früher philosophierte man über das Immaterielle, nun zieht es in Handelsware ein, in Geräte und in die Privatsphäre: in Form von unsichtbarer, doch wirkungsvoller Computer-Intelligenz. Wird dafür der Mensch umso sichtbarer, kontrollierbarer? Oder wird er die Neuerung auf überraschende Weise nutzen?

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"Den Computer" gibt es nicht mehr. Es stehen zwar noch Kisten da und ultraflache tragbare Geräte, doch was sie können, hat weniger mit dem zu tun, was in ihnen drinnen ist, sondern mehr mit ihren Verbindungen zur Peripherie, zum Netz, zu Geräten anderswo.

Und die werden selber immer kleiner bis hin zum praktisch Unsichtbaren. Vor einem Jahrzehnt noch wurde das "Immaterielle" als Thema philosophischer Debatten behandelt. Nun beginnt es, sich in unserer Umgebung als technische, kommerzielle Neuerung einzunisten. Allgegenwärtig.

Ubiquitous oder pervasive computing bezeichnen die Entwickler die neue Phase der Informationstechnologie und sprechen von "Hintergrundassistenz - um nicht zu sagen -intelligenz". Sie besteht aus Sensoren und Motoren, Rechnern, Sendern und Empfängern, die weitestgehend selbstständig arbeiten und kaum oder gar nicht mehr erkennbar sind. Voraussetzung für diese Entwicklung ist die flächendeckende Vernetzung von Menschen und Maschinen, Räumen und Gegenständen, Automobilen und Immobilien. Die Infrastruktur erlaubt es, dass alle mit allen ständig in Kontakt sind. Drahtlos sowieso - alles läuft über genormte Wellen.

Die frühe Phase der Vernetzung hatte ein anschauliches, wenn auch nicht jeden begeisterndes Bild von ihren Möglichkeiten: dass man per Internet Pizza bestellen und bezahlen konnte. In der gegenwärtigen schönen Welt spielen Lebensmittel ebenfalls eine Rolle, Kühlschränke etwa melden selbsttätig, wann neue Milch gekauft werden soll oder ob das Lieblingsessen vorhanden ist. Zu den Phantasien zählen aber vor allem die Helfer, die intimere Bereiche durchdringen, den Reisekoffer etwa, der auf Vollständigkeit überprüft und der Wäschekasten, der auf ungewaschene Socken abgesucht wird.

Letzteres ist ein vielleicht unfreiwillig erhellendes Bild. Es weist auf die Ambivalenz der Technik hin, dass man nämlich die neuen Hintergrundassistenten nicht mehr sehen muss, sie aber auch nicht mehr sehen kann. Damit geht es, vor allem in den Augen von Datenschützern, ans Eingemachte. Wenn ich die ständige Identifikation per Radiofrequenz - RFID-Chips, die Teil des vernetzten Ensembles sind - nicht mehr wahrnehme, woher weiß ich, dass ich nicht auch unterwegs ständig auf meine Wäsche hin untersucht werde. Und bleibt es wirklich meine Angelegenheit, wie sauber sie ist?

RFID wird im Handel, in der Kette vom Verpacken in China über Container und Supermarkt-Regale bis zum Auspacken unter dem Weihnachtsbaum, bald so selbstverständlich sein, wie die Strichcodes es heute sind. Auf ihre Effizienz verweisen die Anhänger des Pervasive Computing auch, wenn es um das Abwägen von Chancen und Risiken geht. Doch winzige Chips in Massenware sind nur ein kleiner und von den Möglichkeiten her nicht einmal besonders interessanter Anwendungsbereich.

Display, "Text2-Speech"-Einheit und Biosensor

Mehr erwartet sich die Industrie von einer Vielzahl von Techniken und Gadgets, die im Familien- und individuellen Bereich angewendet werden sollen. Zum Beispiel entwickelt das Team um Alois Ferscha (siehe Interview) ein multifunktionales Gerät, das per se durchaus nicht unsichtbar ist, vielmehr auf der Nase balanciert und sogar noch beim Sehen behilflich ist. In dieser Brille aber steckt mehr Intelligenz als in Kamera-Handys, Videocams und GPS zusammengenommen. Einen Biosensor birgt sie nämlich auch noch in einem Bügel, am anderen hängt eine "Text2-Speech"-Einheit, das rechte Brillenglas fungiert als Display.

Wird die Brille zu mehr genutzt werden, als um an der Bar cool auszusehen? Das wird nicht nur von der Ausgereiftheit der Technik abhängen und nicht alleine vom Marketinggeschick der Erzeuger. Immer spielt auch "der Markt" mit. Er kann mit Überraschungen aufwarten. Von allen Hoffnungen, die die Mobilfunkbetreiber Mitte der Neunzigerjahre in ihre Killer Apps, ihre nächsten großen Anwendungsversprechen, setzten, war SMS an letzter Stelle, und es wurde die beliebteste Erweiterung des Handytelefonierens. Vielleicht findet sich die allgegenwärtige Kommunikationstechnologie an ganz anderer, jetzt noch nicht erwarteter Stelle als im Kleiderkasten. (Michael Freund/DER STANDARD, Printausgabe, 29. November 2006)

  • Durch diese Brille sieht man alles. In dieser Brille steckt nämlich mehr Intelligenz als in vielen gängigen elektronischen Geräten. Jede hier beschriebene Einheit kann eingebaut werden, muss aber nicht.
    foto: der standard/research studios

    Durch diese Brille sieht man alles. In dieser Brille steckt nämlich mehr Intelligenz als in vielen gängigen elektronischen Geräten. Jede hier beschriebene Einheit kann eingebaut werden, muss aber nicht.

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