Pazifische Kryptogramme

6. März 2007, 12:43
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"Requiem" bei "New Crowned Hope"

Wien - Mit Mozart hat das Stück Requiem des neuseeländischen Choreografen Lemi Ponifasio nichts zu tun. Aber die Uraufführung beim Festival New Crowned Hope im Wiener Museumsquartier enthielt einige Elemente, die dazu verleiten, diverse Verbindungen zu konstruieren.

Der Hamburger Ballettguru John Neumeier zeigte vor zwei Monaten im Theater an der Wien eine tänzerische Ausdeutung des Requiems aus der Feder des viel umschlungenen Komponisten. Düstere Bühne, ritualhafte Szenen und Reisesymbolik bestimmten den Ablauf. Es scheint, als hätte Ponifasio in ähnlichen Wassern gefischt, seinen Fang aber auf einer kulturellen Feuerstätte zubereitet, die mit dem großen europäischen Kunstgrill archaische Gemeinsamkeiten aufweist.

Zeitökonomie

Denn Zeitverlorenheit, Stillehalten und Abgedimmtheit strukturieren auch das von pazifischen Ritualen durchdrungene Werk des Mannes von der anderen Seite des Globus. Der Tanz darin erinnert an den japanischen Butô, was zu einer weiteren Analogie führt: Der zeitgenössische deutsche Choreograf Raimund Hoghe baut seit Jahren ritualhafte, an japanischen Ästhetiken orientierte Stücke, in denen er ebenfalls mit Dunkelheit, Zeitökonomie und einer theatralen Transitorik arbeitet.

Ponifasio kennt die westliche Theaterszene und ihre Neugier auf das immaterielle Kulturerbe aus nichteuropäischen Zusammenhängen. Zielsicher greift er auf diese Neugierde zu, ohne dem Publikum allzu weit entgegenzukommen. Die ritualistischen Kryptogramme in seinem Requiem sind hier von nicht spezialisierten Zuschauern unmöglich zu dekodieren. Trotzdem scheinen Teile davon in unser kollektives Gedächtnis eingeschrieben. Denn diese Choreografie ist kein exotisierendes Heller-Zuckerl, sondern eine Übersetzung von "Folklorischem" in den Hinweis, doch über das Andere von "dort" auch das "Andere" bei uns neu zu denken.

Genutzte Systeme

Werke wie dieses treffen auf ein gegenüber seiner Gegenwartskultur verunsichertes Europa, das mit einem starken Drang der Nutzung "fremder" Systeme, mögen das nun etwa Yoga oder die chinesische Medizin sein, umzugehen lernen muss. Ein Europa, das zwischen Ausbeutung und Ablehnung schwankt. In dieses Schwanken bringt sich Ponifasios Stück ein. Es ist zu faszinierend, um einfach weggewischt zu werden. Und hermetisch genug, um westliche Ethnofreaks auf Distanz zu halten.

Durch Ponifasios profunden Internationalismus dringen Atmosphären und Intensitäten der pazifischen Kulturen. Dokumentarische oder aufklärerische Elemente lässt der Künstler weg. Requiem ist also teils hochästhetisch, teils nervenzehrend langsam und auch ein wenig grotesk. Insgesamt also eine komplexe Geste der Einladung, die das Publikum gerne angenommen hat. (Helmut Ploebst/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 11. 2006)

Tanz bei "New Crowned Hope" wieder am 30. 11., mit Faustin Linyekulas "The Dialogue Series - iii. dinozord" (UA), Museumsquartier, Halle G, 20.00 Uhr
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