In der "alten Wirtschaft" tut sich was

4. Jänner 2008, 16:47
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Polens Osten, die ärmste EU-Region, will mit Brüsseler Fördergeldern aufholen

Lublin/Warschau/Wien – Wer hier einkehrt, sollte sehr hungrig sein. In der „Karczma Bida“ an der Fernstraße von Lublin nach Warschau sind die Portionen dreimal so groß wie in den Restaurants der polnischen Hauptstadt und kosten die Hälfte. Karcma steht für "alte Wirtschaft", und Bida ist das umgangssprachliche Wort für Armut. Nicht nur angesichts der üppigen Gerichte eine Ironie. Denn alt – auf alt gemacht – ist in diesem Gasthaus nur das derb-rustikale Ambiente. Der Gast bestellt und bezahlt an der Kasse, erhält eine Nummerntafel und sucht sich einen Tisch aus. Kameras bestreichen das ganze Lokal und lassen die Kellnerinnen anhand der Tischkarten zielgenau servieren.

Neben der Ironie jede Menge Symbolik: Die Wojewodschaft Lublin an der polnischen Ostgrenze mit der gleichnamigen, 360.000 Einwohner zählenden Hauptstadt ist nach dem Pro-Kopf-Einkommen die ärmste Region der EU. Mit Brüsseler Fördergeldern, die seit dem Beitritt 2004 reichlich fließen, sollen Wirtschaft und Infrastruktur modernisiert werden. Bis 2013 stehen mehr als zwei Milliarden Euro aus den diversen EU-Fonds zur Verfügung.

Ergebnisse sind schon jetzt zu besichtigen. Die weit gehend erhaltene Altstadt von Lublin wird herausgeputzt, die Technische Hochschule hat Computerausstattung erhalten, in der ganzen Wojewodschaft werden Straßen ausgebaut. In der kleinteiligen Landwirtschaft – bisher mit 28 Prozent aller Beschäftigen Hauptwirtschaftszweig – sollen Grundzusammenlegungen und Flurbereinigungen größere Effizienz bewirken. Hier sei man landesweit mit 30 Prozent aller dafür vorhandenen EU-Mittel am erfolgreichsten, berichtet man im Büro des Marschalls, des Vorsitzenden der Selbstverwaltung.

Marschall Edward Wojtas selbst vermeldet ein Sinken der Arbeitslosigkeit um zwei Prozentpunkte auf knapp 16 Prozent seit dem EU-Beitritt. Gewiss, das sei auch Folge der Abwanderung tausender Junger, aber immerhin seien in den beiden letzten Jahren 1500 neue Jobs geschaffen worden (die Wojewodschaft hat 2,2 Millionen Einwohner).

Größtes Hoffnungsgebiet der an Kulturgütern reichen Region ist der Tourismus. Die Zahl der Touristen hat sich seit dem Vorjahr verdoppelt, jene der Agrotourismus-Betriebe (Urlaub am Bauernhof) ist um ein Viertel gestiegen.

Mit steirischer Know-how-Hilfe wird derzeit die Machbarkeit einer Therme in dem Ort Wawolnica geprüft. Vermittelt wurde die Assistenz vom polnischen Honorarkonsul in Graz, dem ehemaligen steirischen Landsamtsdirektor Gerald Ortner. Mit Graz kooperiert Lublin bei einem Projekt für Biodiesel-Busse im Stadtverkehr. Die Intensivierung der Kontakte zwischen Südostpolen und der Steiermark geht vor allem auf die frühere polnische Botschafterin in Österreich, Irena Lipowicz, zurück.

Nicht glücklich ist man in Lublin wie in den anderen Wojewodschaften über Versuche der Warschauer Regierung, sich eine Art Vetorecht bei der Vergabe von EU-geförderten Projekten zu sichern. Grazyna Gesicka, Ministerin für Regionalentwicklung, begründet dies mit notwendiger Koordination, etwa bei überregionalen Straßenprojekten. Marschall Wojtas lässt dieses Argument nicht gelten. Die Projekte würden ohnedies in regionalen Steuerungskomitees abgestimmt. Die Frage, ob hinter der Absicht der Regierung verstärkter Zentralismus stehe, beantwortet er knapp: "Das kann man so sagen." (Josef Kirchengast, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.11.2006)

  • Sichtbare Ergebnisse der seit dem EU-Beitritt fließenden Fördermittel aus Brüssel: Das historische Zentrum von Lublin erhält seinen alten Glanz zurück.
    foto: standard/josef kirchengast

    Sichtbare Ergebnisse der seit dem EU-Beitritt fließenden Fördermittel aus Brüssel: Das historische Zentrum von Lublin erhält seinen alten Glanz zurück.

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