Stirnsonnenbrillen

21. November 2006, 18:00
11 Postings

Der Sonnebrillenmann hatte immer eine Sonnenbrille getragen. Aber nie auf der Nase

Es war vor ein paar Wochen. Aber eigentlich hatte mich der Sonnenbrillenmann mein ganzes nicht-dienstliches Club- und Ausgehleben begeleitet. Wie ein Schatten: Er war immer da gewesen, wir hatten aber nie ein Wort miteinander geredet. Wohl auch, weil er immer einer von diesen ganz, ganz coolen Typen gewesen war. Und die redeten immer nur mit Ihresgleichen. Damals, vor etlichen Jahren, hatte mir das Gefühl gegeben, ausgeschlossen zu sein. Nicht dazu zu gehören.

Vor ein paar Wochen sah ich den Sonnenbrillenmann dann wieder. Und war froh, nie in seine Sphären eingelassen worden zu sein: Es hatte mich – diesmal sozusagen dienstlich – in einen jener Clubs verschlagen, die ich vor über einem Jahrzehnt freiwillig aufgesucht hatte. Und er, der Sonnenbrillenmann, war immer noch da. Mit etlichen seiner Freunde. Und weil die Mädchen rund um sie noch so jung waren wir früher, glaubten sie wohl selbst, dass die letzten 15 Jahre nicht stattgefunden haben. Diesmal begrüßten sie mich. Freudigwinkend bis kopfnickend. Wie einen alten Bekannten. Mein sozialer Status dürfte sich also verändert haben.

Unverändert

Der Sonnenbrillenmann aber sah sogar noch so aus wie früher: Jeans, gestreiftes Hemd oder Poloshirt (meist mit aufgestelltem Kragen) und Pulli. Den hatte er auch früher schon entweder um die Hüft oder – öfter - über die Schultern getragen. In der üblichen bessere-Söhne-Art halt. Und dann war da noch die Sonnenbrille. Die hatte er immer auf der Stirn getragen. Sogar dann, wenn ich ihn tagsüber und im Freien getroffen hatte. Aber das war höchstens zwei oder dreimal der Fall gewesen. Der Sonnenbrillenmann war mir, glaube ich heute, vor allem deshalb in Erinnerung geblieben, weil er die Sonnenbrille nie auf gehabt hatte.

Auch diesmal trug er die Brille auf der Stirn. Und wie jedes Mal, wenn ich den Sonnenbrillenmann sah, dachte ich darüber nach, ob ich Sonnenbrillen vor den Augen in Discotheken und Clubs nun genauso, etwas mehr oder etwas weniger seltsam/beknackt fände als Sonnenbrillen nach Mitternacht auf der Stirn. Obwohl ich vermutlich auch selbst schon das eine oder andere Mal zur zweiten Kategorie gehört hatte. Etwa dann, wenn der Nachmittag bis in die Nacht gedauert hatte und die Stirn der einzige halbwegs sichere Ablageplatz war. Und mit ein bisserl Zureden lasse ich mir eine Sonnenbrille bei längerhaarigen Menschen auch als Behelfshaarreifen erklären. Aber der Sonnenbrillenmann hat kurze Haare. Hat er immer gehabt. Und sie waren immer schwarz gewesen. Geölt-gegelt schwarz. So wie jetzt auch. Dachte ich jedenfalls.

Schuhcreme

Denn als ich dann etwas später an dem Sonnenbrillenmann vorbeiging, sah ich, dass da nicht nur die Haare schwarz waren: Der Sonnenbrillenmann hatte sich die Kopfhaut schwarz eingefärbt. Die ganze, hohe Stirn. Dort unten, wo die Brille begann, musste auch die Schminke (oder die Schuhcreme oder das Hautfärbemittel) ansetzen. Und bis zum Scheitelpunkt des Kopfes war die schwarze Farbe sichtbar – erst ab da war der Schopf so dicht, dass die Kopfhaut nicht mehr durchschimmerte.

Den Trick hatte ich bisher eigentlich nur aus Film & Fernsehen gekannt. Vor allem italienische und spanische Moderatoren waren mir als Kopfschupastaanwender bekannt. Und angeblich gibt es da auch einen heimischen TV-Mann, den seine Maskenbildnerinnen mit sanftem Druck dazu gebracht haben, das Reflektieren der Kopfhaut durch das dünner werdende Haupthaar mit dunkler Farbe auf der Haut zu bekämpfen. Weil der blasse Wiederschein im gleißenden Licht wirklich nicht hübsch ist. Aber dass jemand im echten Leben massiv den Kopf dort anmalt, wo man es sehen muss, hatte ich noch nie gesehen.

Pröll-Lookalike

Bis jetzt, beim Sonnenbrillenmann. Hatte er etwa gar schon damals, als wir alle Anfang 20 gewesen waren, den Ansatz zum Erwin-Pröll-Lookalike verbergen wollen? Hatte er schon früher die Kopfhaut gefärbt? Und hatte ihm noch nie jemand gesagt, dass das einfach nur schrecklich aussieht? Hatte ich ihn deshalb kaum je bei Tageslicht gesehen? Und – und das vor allem: Ließ er die Sonnebrille auch im Bett auf? Plötzlich tat er mir fast leid. Fast wäre ich umgekehrt und hätte ihn angesprochen. Aber irgendwie glaube ich, dass das nicht die Sorte von Smalltalk ist, die einer wie er mit einem wie mir führen möchte. Schon gar nicht, wenn Mädchen dabei sind.

Share if you care.