Thema Scheidungsgründe

7. Juli 2000, 17:39

Der Streit um Geld rangiert vor neuer Liebe

Sie: Mutter von zwei Kindern. Er: Alleinverdiener. Er lernt eine neue Frau kennen, mit der er sein Leben verbringen will. Es folgt die Scheidung. Sie muss sich um die Kinder kümmern, er kann sie besuchen. Für ihren Unterhalt wird der Exgatte auch weiter sorgen (müssen). Familienalltag in Österreich.

Jede vierte Ehe endet vor dem Kadi

Die Phrase "bis der Tod euch scheidet" hat hierzulande kaum noch Bedeutung. Vier von zehn Ehen enden vor dem Kadi, Tendenz steigend. 1999 wurden exakt 18.512 Ehen amtlich beendet. Von der Statistik ebenso erfasst ist deren "Lebensdauer" mit durchschnittlich 9,1 Jahren.

Am höchsten ist das Scheidungsrisiko innerhalb des zweiten und vierten Jahres. Das hat das Österreichische Institut für Familienforschung (ÖIF) in seinem "Familienbericht 1999" erhoben. Das ÖIF räumt darin auch mit zwei gängigen Meinungen auf: Weder sind jene Menschen, die schon einmal verheiratet waren, "klüger" geworden, noch schützt voreheliches Zusammenleben vor traurigen Überraschungen.

Als Ursache für die Ehedesaster nennt die Wiener Anwältin Maria-Christina Engelhardt "in erster Linie Geld". Die Paare, die heiraten, würden meist eine eigene Wohnung oder ein Haus besitzen wollen. Dann kämen die Kinder, und die Schulden würden immer mehr zu wachsen beginnen. Am Schluss stünden zwei völlig überforderte Menschen da, die der Situation nicht gewachsen seien. Zweiter Grund: ein neuer Partner.

"Da gibt es keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Manche wollen, sobald sie das erfahren, die Scheidung. Andere schlucken es", sagt Engelhardt. Männer würden aber eher danach trachten, schnell in die neue Beziehung zu wechseln. Vielfach gebe es aber einen ganz banalen Grund: Man hasst den anderen schlichtweg.

Das ÖIF sieht auch noch andere Ursachen: etwa dass Scheidungen "heute zunehmend als vernünftige Lösung einer für die Partner sinnlos oder unbefriedigend und belastend gewordenen Ehe betrachtet" wird. Oder dass sich die Frauen immer stärker "individualisieren" - also das Rollenbild sich geändert hat. Gemeinsame Kinder erweisen sich laut Familienforschungsinstitut zumindest kurzfristig als "Beziehungskitt". Mit dem ansteigenden Alter der Kinder nimmt dieser Effekt allerdings drastisch ab.

Gerade beim Bruch von Beziehungen, bei denen Kinder vorhanden sind, hofft Anwältin Engelhardt immer auf eine faire, einvernehmliche Lösung: "Oft muss man den Klienten darauf hinweisen, dass der Streit nicht auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden soll." Daher seien immer einvernehmliche Lösungen anzustreben. Selbst anfangs strittige Scheidungen würden - zwar erst nach Jahren des Prozessierens - einvernehmlich enden. Engelhardt: "Da sind beide Parteien prozessmüde. Die bessere Position hat dann jener Part, der die besseren Nerven zeigt und die Scheidung eher verweigert." Dafür sprechen auch die Zahlen: 1999 waren 87,8 Prozent der Trennungen einvernehmlich.

Bis zum Ruin

Eine Scheidung kommt für beide Seiten teuer. Die "größte Gefahr" für die Männer: Unterhaltszahlungen. 33 Prozent des Nettoeinkommens bekommt die Exfrau, wenn sie ohne eigenes Einkommen ist, zugesprochen. Kinder kosten extra, wenn der Mann nicht deren Obsorge annimmt. Männer sollten sich vor der Eheschließung über die Unterhaltspflicht klar sein, meint die Wiener Anwältin. Einen Verzicht in einem vorher verfassten Ehevertrag sei nicht rechtswirksam. Die Zahlungen könnten bis in den "persönlichen Ruin" führen.

Mitleid muss man aber nur begrenzt haben, auch Frauen werden hart getroffen. Meist sind sie auf den Unterhalt angewiesen. "Während der Mann Karriere macht, schenkt die Ehefrau ihre Zeit der Familie. Nach Jahrzehnten der Nichtpräsenz in der Wirtschaft gibt es meist keine Chance auf einen beruflichen Wiedereinstieg", erklärt Anwalt Paul Bachmann. Der Unterhalt federe schon ab, Frauen, vor allem Hausfrauen, seien trotzdem in der Trennnungssituation "von vornherein" benachteiligt. Die Judikatur würde ihnen zwar helfen, aber noch nicht ausreichend genug, findet Bachmann.

Dass Bürgschaften für die Gatten unterschrieben werden, bringt weitere existenzbedrohende Gefahren. Aufpassen müssen auch "Mitversicherte". Ist die Scheidung rechtskräftig, muss sich die Frau eigenständig versichern. Die Ausnahme: Beamtengattinnen. Da kann die Mitversicherung weiterlaufen. (Peter Mayr)

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