Straßenbahnarchäologie

21. November 2006, 18:00
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Das Geräusch der Straße, sagte C. sei immer der Bus gewesen. Nie die Straßenbahn

Es war vor ein oder zwei Wochen. Aber vermutlich haben die meisten Menschen, die da kurz einen Blick unter die Straße erhaschen konnten, gar nicht mitbekommen, dass das ein Fenster in die Geschichte war. Obwohl Fenster das falsche Wort ist. Schließlich stand der Bus neben einer Ausgrabungsstätte.

Aber die Menschen die da im Bus im Stau festsaßen und müde-nervös aus dem Frenster schauten, sahen wohl nur die Baustelle. In der H-Gasse. Neben der erstaunlich unumkämpften, gerade endgefertigten Volksgarage. Ein paar Tage zuvor war hier ein Wasserrohr geborsten. Die Stadt – dieser Sektor – war zuerst zum Stillstand gekommen. Und dann war, wenn der Bus sich von seiner gewohnten Route auf eine Kreuzfahrt quer durch die kleinen Gassen gemacht hatte, ein bisserl Panik unter den Fahrgästen ausgebrochen. Aber nun war wieder alles in Ordnung. Halbwegs zumindest.

Kopfstein

Die Straße war einspurig wieder befahrbar, alles steckte ein bisserl im Stau – und nebenan wurde die Straße repariert. Dazu war die oberste Asphaltschicht abgetragen worden. Auf einer Strecke von 60, vielleicht 100 Metern. Und unter dem Asphalt, sah man, war noch das Kopfsteinpflaster von früher. So, als hätte man einfach eine Decke drüber gelegt. Über das Pflaster. Und über die Schienen.

Dass das außer mir nur das kleine Kind gegenüber von mir bemerkte, fand ich seltsam: Zum einen, weil ich bestimmt nicht der einzige tägliche Busbenutzer hier war, der keine Ahnung gehabt hatte, dass hier einmal eine Straßenbahn gefahren war. Zum anderen, weil die Gasse doch - wenn auch nur kurz - ziemlich bergauf geht. Und ich nicht gewusst hatte, dass Straßenbahnen solche Steigungen schaffen. Oder einmal geschafft haben.

Zahnradbahn

Das war es im Übrigen auch, was den Buben gegenüber faszinierte: Ob die Straßenbahn eine Zahnradbahn gewesen sei, wollte er wissen. Seine Mutter schasselte ihn ab: Welche Straßenbahn? Er wisse doch, dass hier nur ein Autobus unterwegs sei. Sie sah dabei nicht einmal von ihrer Zeitung auf. Der Bub versank wieder in seiner Jacke.

Ob denn er wisse, dass unter seinem Fenster einmal die Straßenbahn gefahren sei, fragte ich C. später. C. wohnt nämlich mit Blick auf die ehemalige Straßenbahngasse – und zwar so ungefähr seit seiner Geburt. C. dachte nach – und verneinte: Solange er denken könne, habe ihn stets das Geräusch des anfahrenden Busses begleitet. Das, sagte C., sei für ihn das Geräusch von daheim: Der Bus und Lkws, die an der roten Ampel bergauf anführen. An eine Straßenbahn, meinte C. könne er sich erinnern. Bestimmt. Ich riet ihm, aus dem Fenster zu schauen.

Landart

Später rief C. zurück. Ein bisserl irritiert. Aber Kopfsteinpflaster und Schienen unter dem Asphaltt, sagte er, hätten ihn an ein Kunstprojekt erinnert, bei dem sein Freund einmal als DJ eingeladen gewesen sei. Vor Jahren. Irgendwo in ruralen, nördlichen Pampa. Da hab, erzählte C., jemand eine archäologische Stätte mitten in ein Feld gebaut. Man habe ein riesiges Loch ausgehoben, und dann da unten etwa fünf oder fünfzig Meter Autobahn hineingebaut: Je zwei Fahrspuren plus Pannenstreifen, außen und in der Mitte Leitschienen. Etwa drei Meter habe man hinabsteigen müssen, um diese archäologische Stätte zu besichtigen.

Die Ausgrabung im Feld, erzählte C., sei mit großem Pomp eröffnete worden: Kunstgesocks aus Wien sei angereist – unter anderem eben auch er und sein Freund. Man habe gestelzte Worte über das Loch im Boden gesprochen – und dann habe sein Freund Musik verlegt. Etwa eine halbe Stunde lang. Dann hätten die jungen Männer von der lokalen freiwilligen Feuerwehr übernommen.

Landfest

Sie wüssten ja nicht, hätten die Jungflorianer gesagt, was das alles solle – und wenn die depperten Städter ein Feld mieten könnten sie da darin machen was sie wollen. Aber bei Festen am Land seien sie zuständig – und die Musik, die C.s Freund da spielte (irgendwelchen Industrial-Lärm vermutlich) ginge nicht. Ganz bestimmt nicht: Entweder lasse man sie jetzt ran – oder aber das Fest wäre sehr sehr schnell zu Ende. Ab dann sei die Musik ziemlich austropoppig geworden – jedenfalls so lange er noch etwas davon mitbekommen habe: Die Kunstblase sei zurück nach Wien gefahren. Unterwegs habe man noch ein wenig darüber gejammert, welche Perlen man da vor die Säue ... und so weiter. Heute schäme er sich für seine Worte von damals, sagte C. Beinahe jedenfalls.

Dann, am Abend, rief C. noch einmal an: Die historische Stätte unter seinem Fenster sie nun wieder verschwunden. Die Ausgrabung wieder vergraben. Und schon morgen würde wohl wieder vergessen sein, was hier einmal war und dann kurz wieder zu sehen gewesen sei. Und auch wenn es nicht wichtig sei, meinte C., fände er das schade. Ob wir nicht eine kleine Erinnerungstafel an der Hauswand initiieren sollten: „Hier fuhr einmal die Straßenbahn – auch wenn das heute keine Rolle mehr spielt.“

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