"Beide Seiten gehen mit Erfolgszwang nach Camp David"

7. Juli 2000, 17:04

Mit einer "Papstwahl" vergleicht Yair Hirschfeld gegenüber dem STANDARD das Grundkonzept des Gipfels

Wien - Mit einer "Papstwahl" vergleicht Yair Hirschfeld, vom STANDARD telefonisch befragt, das Grundkonzept des Gipfels von Camp David, zu dem US-Präsident Bill Clinton für Dienstag Israelis und Palästinenser geladen hat: zusammensitzen, "bis weißer Rauch kommt". Wer Papst werde, wisse man nicht - und das sei der zweite Teil des Grundkonzepts, was heißt, die Grundstruktur des Abkommens, das die Bereiche Territorium, Jerusalem, Flüchtlinge sowie Konfliktende und Verzicht auf weitere Forderungen beinhalten muss, "ist variabel". Hirschfeld, Orientalist und Wirtschaftswissenschaftler, war eine führende Figur in jenen Verhandlungen, die in Oslo den nahöstlichen Friedensprozess auf die Schienen gebracht haben.

Prozess des Redens

Er bleibt vor Camp David bei seinem "beruflich bedingten" Optimismus: Die Chancen auf eine Einigung seien schon deshalb groß, weil "beide Seiten mit Erfolg nach Hause kommen müssen". Weiters sei der "Prozess des Redens" zwischen Israel und den Palästinensern, anders als bei den Verhandlungen mit Syrien, "gut entwickelt".

Der Erfolg könne unterschiedlich ausschauen, aus "Substanzlösungen", aber auch aus "Prozedurallösungen" bestehen. Es gibt ein klares Einverständnis, dass ein palästinensischer Staat eine Gegebenheit ist, "und es muss zu einem Abkommen kommen, dass irgendwann zwischen 13. September und 1. Jänner dieser Staat Wirklichkeit wird".

Gute Erfolgsquote

Die Frage sei, ob alle Substanzfragen in Camp David total gelöst werden oder ob dafür Prozedurallösungen eingeleitet werden. Die vom Standard geäußerte Befürchtung, dass damit Probleme nur verschoben und neue Streitereien programmiert würden, sieht Hirschfeld gelassen: "Wir haben immerhin zehn Abkommen ausgehandelt, und die sind alle plus/minus - mehr plus als minus - eingehalten worden. Das ist eine gute Erfolgsquote. Ob wir noch eines oder fünf Abkommen aushandeln, ist in Wirklichkeit nicht so sehr von Belang. Hundert Jahre Konflikt kann man nicht mit einem Wisch auf die Seite schieben."

Auch die Schwierigkeiten von Premier Ehud Barak mit seinen abbröckelnden Koalitionären will Hirschfeld nicht dramatisieren, vor allem kämen jetzt "die Sommer-Parlamentsferien sehr gelegen". Sie beginnen in drei Wochen, dauern drei Monate, und in dieser Zeit können keine Neuwahlen beschlossen werden. Frage: Und wenn es im Sommer zu einem Abkommen kommt und im Herbst die Regierung stürzt? "Wenn ein Abkommen da ist", so Hirschfeld, "ist es fast sicher, dass es zur Volksbefragung kommt. Niemand ist gegen das Referendum." Und wenn das Referendum schiefgeht? "Ja dann sind wir in der Rue de la Gack."

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