"Mann ist Oberhaupt der Familie"

26. November 2006, 17:02
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Noura Jaballah, Präsidentin des europaweiten Forums der Musliminnen: "Frauen haben Recht auf Weiblichkeit und Mütterlichkeit" – Pro Kopftuch

Graz – Dem Mann komme in der Familie "die Führungsrolle" zu. Die Befreiung der Frau laufe nur darauf hinaus, dass sie "gegen ihre Natur in ständigem Wettlauf gegen den Mann" sei und dabei "ihr Recht auf Weiblichkeit und Mütterlichkeit einbüßt". Dies war der Tenor des Vortrags, den Noura Jaballah, Präsidentin des europaweit tätigen Forums muslimischer Frauen vergangene Woche an der Grazer Uni hielt. Gleichzeitig versteht sie sich selbst als Kämpferin für Frauenrechte und betont, dass Frau und Mann gleichwertig, ja "gleich", seien. Auch verteidigte die geborene Tunesierin und studierte Soziologin, die heute in Frankreich lebt, das Kopftuch. Ihr Vortrag zu islamischer Identität und Emanzipation der Frau sowie zum Kopftuchstreit fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Der Islam in Österreich und in Europa" statt. Die BesucherInnen wurden "Im Namen Allahs des Erbarmers der Barmherzigen" empfangen.

Die Frau sei "das Gegenstück" zum Mann, postulierte Jaballah ein traditionelles, dualistisches Bild: Keiner der beiden könne alleine, ohne den Anderen, sein. Für die Frau seien "natürlich Ehe und Familienleben das Allerhöchste und Schönste". Der Mann wiederum sei das "Oberhaupt" der Familie. Dies werde oft falsch verstanden: "Ich meine damit nicht, dass er ein Despot ist, der die Familie regiert, sondern dass er verantwortlich für die Einkünfte der Familie ist. Und das ist ja gar nicht immer einfach." Und auch muslimische Frauen müssten verstehen, dass "ein Mann, der wirklich gläubig ist, die Frau schützen wird". Die Frau "fühlt, dass sie ihren Platz hat": als "Herrin des Hauses". Immerhin habe sie die Aufgabe, "ein Volk zu erziehen", meinte Jaballah und betonte, wie hoch die Mutter im Islam geachtet werde. Vor rigiden Regeln des Zusammenlebens müssten jedenfalls "Liebe und Zuneigung" gehen.

"Nicht alles dem Islam in die Schuhe schieben"

Obwohl Jaballah den Frauen einen klaren – und untergeordneten – Platz zuwies, gab sie sich als Verfechterin von Frauenrechten: "Gott der Allmächtige hat niemals gesagt, dass entweder das eine oder das andere (Geschlecht, Anm.) besser sei." Die Rolle der Frauen in der Geschichte des Islam werde heute verkannt: Es habe zahlreiche politisch engagierte Frauen und Wissenschafterinnen gegeben. Und obwohl sie selbst vorwiegend von der Frau als Mutter sprach und deren Lebensweise nur in Kombination mit Mann und Kindern vorkam, lehne sie "die großen Strömungen" ab, die die Frau "nur in der Küche und mit den Kindern sehen möchten: Wir versuchen alles, uns diesen Tendenzen zu widersetzen". Auch zur Erziehung müssten – entgegen der Meinung vieler – "Mann und Frau in gleicher Weise beitragen". Außerdem sei es wichtig, dass Frauen sich bildeten und am sozialen Leben teilnähmen.

Zur Kopftuchdebatte erklärte Jaballah, die selbst das Kopftuch trägt, sie befürworte das Tuch zwar, sei aber gegen Zwang. "Alle", die sie kenne und die das Tuch tragen, täten dies freiwillig. Zwang entspreche auch nicht den Regeln des Islam. Wobei ihre Erklärung dafür allerdings nicht gerade danach klingt, als solle den Frauen die Entscheidung wirklich freigestellt werden: "Wenn eine Frau es nicht freiwillig trägt, werden ihre guten Taten bei Gott nicht registriert."

Wie die Soziologin beklagte, würden insbesondere seit 9/11 durch das Kopftuch klar als Musliminnen erkennbare Frauen Ziele von "Feindseligkeiten". Manche Frauen bringe die "islamophobe Situation" dazu, dass sie sich "strenggläubigen Strömungen" mit einer "sehr strikten Sichtweise gegenüber Frauen" anschlössen – was "sehr bedauerlich" sei. Generell kritisierte sie den westlichen Umgang mit dem Islam: Ja, es gebe Zwangsehen und islamische Männer, "die ihre Frauen und Töchter wie Un- oder Halbmündige behandeln, die glauben, dass Frauen sie bedienen müssen". Aber Gewalt gegen Frauen beispielsweise existiere nicht nur im Islam, daher: "Es ist nicht gerecht, das alles dem Islam in die Schuhe zu schieben." Medien würden ein einseitiges, aggressives Bild vom Islam zeichnen.

Seitens der etwa sechzig BesucherInnen des Vortrags, sowohl MuslimInnen als auch Nicht-MuslimInnen, kam die Frage, warum Jaballah, wenn sie schon die "Gleichheit" der Geschlechter propagiere, Frauen doch wieder klar ihren Platz zuweise. Dies quittierte die Vortragende mit einem "falschen" Verständnis der von ihr beschriebenen Rollen durch Nicht-MuslimInnen. Generell berief sie sich bei kritischen Anmerkungen auf religiöse Schriften. Wie so oft drehte sich die Debatte stark um das Kopftuch. Es sei "ein patriarchales Symbol", meinte eine Zuhörerin. Eine junge, verschleierte Muslimin meinte indes: "Das Kopftuch ist ein Bekleidungsstück, genauso wie ein langer Rock. Ich trage es, um meinen Intimbereich zu schützen." (Gerlinde Pölsler)

  • Nourah Jaballah weist Frauen und Männern völlig unterschiedliche Plätze zu, dennoch sieht sie sich als Kämpferin für Frauenrechte.
    foto: diestandard.at/pölsler
    Nourah Jaballah weist Frauen und Männern völlig unterschiedliche Plätze zu, dennoch sieht sie sich als Kämpferin für Frauenrechte.
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