Österreichs erstes Frauenmuseum eröffnet

7. Juli 2000, 19:39

In Hittisau wird die Welt aus Frauensicht betrachtet

Hittisau - Das Feuerwehrhaus der kleinen Gemeinde Hittisau ist ein ganz besonderes. Es ist nicht nur Beispiel für moderne Vorarlberger Holzarchitektur, sondern auch kulturelles Zentrum des 1800-Menschen-Dorfes. Und Ort einer ganz neuen Verbindung - jener von Frauen und Feuerwehr. Schon der Vorplatz des Holz-Glasgebäudes irritiert. Der Komponist Gerold Amann begrüßt Besuchende mit der Klangskulptur "Klingende Hydra", einem künstlerisch verfremdeten Hydranten. Steht vor dem Haus die Hydra, wohnen im Obergeschoss die Musen. Jene des Frauenmuseums.

"musen frauenmuseum" hat Elisabeth Stöckler, die in Hittisau für die Erforschung der Dorfgeschichte verantwortlich zeichnet, die einzige Einrichtung dieser Art in Österreichs genannt. Als Hinweis auf das griechische Wort mouseion, dem Sitz der Musen, der Quelle der Inspiration. Die Grundbedeutung des griechisches Wortes könnte auf eine "Bergfrau" zurückgehen, vermutet die Museumskuratorin und damit wäre der Bogen zum Bregenzerwald geschlagen. Denn die Berg- und Tourismusidylle aus Frauensicht zu betrachten, ist Aufgabe des Museums. Aus 250 Quadratmetern werden jährlich zwei Ausstellungen gezeigt, frauenspezifischer Veranstaltungen durchgeführt und die (über)regionale Frauengeschichte dokumentiert.

Elisabeth Stöckler hat sich in Vorarlberg, "wo die historische Frauenforschung noch in den Kinderschuhen steckt", zur Aufgabe gemacht, die unterschiedlichen Seiten weiblicher Kultur zu dokumentieren und von Frauen geschaffene Kulturgüter zu sammeln und auszustellen. Forschungsprojekte sollen, so Stöckler, systematische Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten aufzeigen.

Stöckler, unterstützt von einer Teilzeitmitarbeiterin und zahlreichen ehrenamtlichen Helferinnen, will im Bregenzerwald nicht isoliert arbeiten. Ein virtuelles Netzwerk mit Frauenforscherinnen in den Universitätsstädten soll die internationale Begleitung des ländlichen Projektes ermöglichen.

Arbeit, nichts als Arbeit

"Mythos und Alltag - eine sozialgeschichtliche Installation" heißt die Eröffnungsausstellung des frauenmuseums. Elisabeth Stöckler hat Alltagsgegenstände aus zwei Jahrhunderten zusammengetragen. Gegenstände, die eindrücklich dokumentieren, dass der Alltag der Frauen schlicht "Arbeit" hieß. "Kinder, Küche und Arbeit", wie Stöckler präzisiert. Die Differenzierung von Arbeit und Haushalt erfolgt nicht von ungefähr. Die Bregenzerwälder Forscherin: "Kinder und Küche sind ja nicht als Arbeit anerkannt, weil sie der 'Natur und den Bedürfnissen' der Frau entsprechen."

Den Selbstwert holte sich die Frau durch Mehrfachbelastung. Handwerkliche Arbeit wie Nähen, Weben, Sticken brachte eigenes Geld. Wie sehr Frau darauf angewiesen war, zeigt in der Ausstellung zwei tragbare manuelle Strick- und Nähmaschinen, die sogar auf die Alp mitgenommen wurden. Zubrot verdiente sich die Bäuerin auch die Heimarbeit oder Dienstleistungen im Fremdenverkehr, wovon ein transportabler Waschzuber zeugt, der zur wöchentlichen Wäsche ins Hotel mitgenommen wurde.

Über dem Alltag thront die Skulptur einer Himmelskönigin aus dem 17. Jahrhundert. Die Ansicht der Madonna ist durch einen Balken gebrochen. Symbol für die keineswegs friktionsfreie Beziehung zur katholischen Kirche. Elisabeth Stöckler: "Der Glaube hat zwar Kraft vermittelt, die Frauen haben aber auch unter dem Druck der katholische Kirche gelitten."

Durch einen Leinenvorhang getrennt, der Mythos von der starken Bregenzerwälderin, symbolisiert durch drei lebensgroße Figuren in der Juppe, der Tracht der Wälderinnen. Stöckler: "Wenn man will, kann man den Vorhang wegziehen. Dann sieht man Mythos und Alltag in einem Bild." Die Möglichkeit, die Trennung der beiden Welten selbst aufzuheben, sieht Stöckler als Aufforderung, das Verhältnis der beiden Welten zu überdenken. "Frau/Mann kann sich einen eigenen Zugang, eine eigen Perspektive schaffen."

Stark, aber nicht immer gscheit

Die Bregenzerwälderinnen sollen besonders stark und selbstbewusst sein, wird ihnen nachgesagt. Im 30-jährigen Krieg hätten die "mannhaften Weiber" (ein Chronist) die angreifenden Schweden verjagt oder - es unterschieden sich die Sagen - gar erschlagen. Knapp 200 Jahre später, 1807, haben sich die Frauen von Krumbach gegen die Rekrutierung ihrer Männer und Söhne für die bayrische Armee mit einem Aufstand gewehrt, die Männer waren entsetzt. Die Anführerin kam ins Gefängnis.

Der Protest der Frauen richtete sich nicht nur gegen den Kriegsdienst, sondern auch gegen die aufkeimende Moderne, repräsentiert durch die mit Napoleon verbündeten Länder wie Bayern, wo die sozialen Fortschritte der französischen Revolution bereits spürbar waren. Die Wälderinnen wollten aber an den traditionellen Werten der Habsburger festhalten und vor allem ihre religiösen Bräuche weiterführen. "Damit leisteten sie in ihrem Protest auch einen Beitrag zu ihrer eigenen politischen und sozialen Entmündigung", schreiben Elisabeth Stöckler und der Soziologe Hermann Denz in der Broschüre zur Ausstellung.

Dass diese Ambivalenz längst nicht Vergangenheit ist, zeigt der auf die Zukunft gerichtete Teil der Installation. 13-jährige Hauptschülerinnen beschreiben in Aufsätzen ihre Zukunftsvorstellungen, die sich nur marginal unterscheiden. Alle befragten Mädchen haben das gleiche Ziel: Beruf, Traummann, Kinder, Beruf aufgeben und daheim bleiben.

Museumspädagogische Arbeit nennt denn auch Elisabeth Stöckler als langfristige Aufgabe. Ob die Absicht verwirklicht werden kann, hängt in erster Linie von den Geldgebern ab. Noch fehlt dem Museum aber ein fix zugesichertes Budget. (jub)

Mythos und Alltag, 8. 7. - 31.10. Do 19 - 21 Uhr, Fra, Sa 16 - 18 Uhr, So 15 - 18 Uhr. Tel 05513-6209-0

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