Radikaler Postkastenschwund

9. Jänner 2007, 14:04
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Die österreichische Post hat in den vergangenen Tagen unangekündigt tausende Briefkästen abmontiert

Wien - Die österreichische Post hat in den vergangenen Tagen unangekündigt tausende Briefkästen abmontiert. Unternehmenssprecher Michael Homola bestätigte am Freitagabend Zeitungsberichte, wonach von bundesweit 20.506 gelben Kästen 2.800 entfernt wurden. Betroffen sind ausschließlich Ballungszentren. Rund die Hälfte der abmontierten Kästen befand sich in Wien und Niederösterreich. Wie viel die Post dadurch einspart, wollte Homola nicht kommentieren.

Der Sprecher begründete den Schritt damit, dass in 46 Prozent aller Briefkästen täglich nur zehn oder weniger Briefe eingeworfen worden seien. Fast die Hälfte aller heimischen Haushalte habe bisher sechs Briefkästen in einem Umkreis von einem Kilometer gehabt. Um das zu analysieren, habe die Post eine eigene Bedarfserhebung durchgeführt. In neuen Siedlungsgebieten sind im Rahmen dessen auch neue Briefkästen hinzu gekommen - in Summe bundesweit 200.

Lichten

Abgehängt habe man nur jene Kästen, in deren unmittelbarer Nähe ein weiterer hänge, sagte Homola. Auf Spitäler und Pensionistenheime habe man Rücksicht genommen. Am Land habe sich grundsätzlich nichts geändert. Im Burgenland hat die Post etwa 13 Kästen abmontiert und 12 neue aufgehängt. In Niederösterreich dagegen verschwanden 705 von 6.250 Postkästen, in Wien 676 von knapp 2.000. In der Bundeshauptstadt kam im Gegenzug nur ein neuer Kasten dazu.

Die Post beruft sich in ihrem Vorgehen auf die vom Verkehrsminister erlassene Universaldienstverordnung. In der 2002 von der damaligen FPÖ-Ministerin Monika Forstinger erlassenen Verordnung heißt es unter Paragraf 5 etwas kryptisch: "In zusammenhängend bebauten Wohngebieten müssen Briefkästen so ausreichend vorhanden sein, dass im Regelfall die Kunden, die in geschlossenen Siedlungsgebieten leben, im Umkreis von höchstens 1.000 m um ihren Wohnsitz einen Briefkasten erreichen können."

Keine Zahl

In der Post ätzte man damals noch, dass sich daraus kaum eine konkrete Zahl an notwendigen Briefkästen ableiten lasse. Heute ist sich das Unternehmen sicher, dass es die Vorgabe auch nach den Einsparungen übererfülle. Bisher seien zwanzig Mal mehr Briefkästen gehangen als nach der Verordnung notwendig, sagte Homola. An den Leerungsintervallen für die verblieben gelben Kästen ändert sich nichts. Die Verordnung schreibt hier von Montag bis Freitag mindestens eine Leerung pro Tag vor. Der Großteil der Briefkästen wird heute ohnehin nicht mehr öfter geleert.

Die Österreichische Post befindet sich mit dieser Einsparung durchaus im internationalen Trend. Die Deutsche Post hat schon 2003 jeden fünften Briefkasten bzw. insgesamt fast 40.000 Kästen abmontiert. Auch in Deutschland sorgten die Sparmaßnahmen damals für hellen Aufruhr. In den heimischen Zeitungen wird vor allem die Vorgehensweise kritisiert. Infos an den leeren Hauswänden gebe es keine, auch die zuständigen Postämter wüßten vielfach nicht, warum die Kästen weg sind und verwiesen Kunden an die Beschwerde-Hotline, wo es am Freitag zu langen Wartezeiten gekommen sei, heißt es im "Kurier" (Wochenendausgabe).

Die Post ist seit Ende Mai an der Börse notiert. Der Aktienwert des Unternehmens hat sicher seither verdoppelt. Am Freitag hat die Post-Aktie mit 36,85 Euro geschlossen, 0,14 Prozent unter dem Schlusskurs des Vortages. (APA)

  • Rund die Hälfte der abmontierten Kästen befand sich in Wien und Niederösterreich.
    foto: standard/corn

    Rund die Hälfte der abmontierten Kästen befand sich in Wien und Niederösterreich.

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