Sieben Schritte musst du gehen

25. November 2006, 19:00
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Reise in die Auslöschung: John Haskells Roman "Amerikanisches Fegefeuer"

Die Urszene steht ganz am Anfang dieses Buches, doch wie bei Szenen dieser Art üblich, kommt der Erzähler immer wieder auf sie zurück. Ein kurzer Halt an einer Tankstelle. Der Mann, er heißt Jack, geht kurz in den Laden, um ein wenig Proviant zu kaufen. Als er wieder herauskommt, hat sich sein Leben verändert. Was genau passiert ist, das wird zwar nicht unbedingt Gegenstand dieses Romans sein, gleichwohl affiziert es den Helden und damit sein weiteres Tun.

Jacks Frau, Anne, hat im Auto auf ihn gewartet. Es scheint einen Unfall gegeben zu haben. Nun ist sie fort. Doch schon hier wird der Ich-erzähler ein wenig unverlässlich. Wurde sie entführt? Ist sie ihm davongelaufen? Und was hat es mit der dritten Partei, dem davoneilenden Wagen, eigentlich auf sich?

Es könnte der Beginn eines Kriminalromans sein. Allerdings suggeriert schon der Titel des Debütromans des US-Amerikaners John Haskell, Amerikanisches Fegefeuer (American Purgatorio), dass es sich um eine Irritation weit größeren Ausmaßes handeln muss. Die Überkapitel sind mit den sieben Todsünden überschrieben, und wie in Dantes Fegefeuer Virgil einen Berg besteigen muss, um seine Geliebte Beatrice zu finden, so durchmisst auch Jack eine weite Landschaft, um das mysteriöse Verschwinden seiner Frau, von der sich seine Gedanken nicht lösen können, aufzuklären. Nach einem kurzen Moment des Innehaltens bricht er auf, gen Westen - eine Karte, die er in seinem Haus findet und auf der mehrere US-Städte eingekreist sind, weist ihm die Richtung: Lexington/ Kentucky, Boulder/Colorado und schließlich San Diego/Kalifornien. Indizien, dass Anne tatsächlich diese Route genommen hat, gibt es freilich keine. Jacks Kompass ist sein Instinkt - zumindest vermittelt er dem Leser diesen Eindruck.

Das spezifisch Amerikanische dieser Reise ist, dass sie horizontal verläuft. Der Mythos des immer neuen Aufbruchs, die Suche nach der "frontier", beides wird von Haskell in ein anderes Bezugssystem übertragen. Nicht länger geht es hier darum, sich dem Spiel der Ereignisse auszusetzen oder sich den neuen Möglichkeiten des Lebens zu stellen, wie dies etwa in dem berühmten Roman von Jack Kerouac, On the Road, zelebriert wird, sondern vielmehr um das Gegenteil: Jack will nur etwas zurück - etwas, das er Liebe nennt, nicht aufgeben.

Die nach innen gekehrte Perspektive bei gleichzeitiger Bewegung durch ein veränderliches Außen verleiht Amerikanisches Fegefeuer seine eigenwillige Qualität: Die prägnanten, kaum ausgeschmückten Sätze Haskells, die auch keine Scheu vor scheinbar abgenützten Phrasen haben, führen die Beobachtungen und Erlebnisse des Reisenden immer wieder auf seine Befindlichkeit zurück. Das unauffälligste Detail kann genügen, um seine Gedanken auf Anne, auf eine Erinnerung oder eine Empfindung zurückzulenken, die er nunmehr schmerzlich vermisst.

Die Trauer über seinen Verlust lässt den Erzähler auch jeder Versuchung widerstehen, selbst dann noch, als er sich allmählich einzureden versucht, von der Vergangenheit abzulassen. Als er in einem Motel einer Frau begegnet, von der er zunächst annimmt, dass sie etwas mit Annes Verschwinden zu tun hat, entsteht einen Moment lang die Ahnung von einem Neubeginn: Der Ausflug mit ihr zu einem versteckten Haus im Wald, in dem ein greiser Mann lebt, bleibt dann aber folgenlos.

Jack ist nicht fähig, sich der Wirklichkeit auszuliefern - selbst als er auf ein junges Hippiepaar trifft, das ihn mit seiner Auffassung von freier Liebe in eine lustvolle Gegenwart zurückholen will, bleibt er auf der anderen Seite zurück, unfähig, sich jemandem aufs Neue hinzugeben.

Bezeichnenderweise fühlt sich der Erzähler bei Native Americans am wohlsten, dort, wo Sprache keine besondere Rolle mehr spielt. In einer Felsenstadt in Arizona, in der schon seit Jahrhunderten niemand mehr lebt, hebt er eine Tonscherbe vom Boden auf, die ihm kurz darauf wieder weggenommen wird: "Ich wünschte, ich hätte sie genauer angeschaut. Wenn ich die Scherbe nur ein bißchen länger gehabt hätte, wäre ich vielleicht dahinter gekommen, was sie bedeutete, was sie vielleicht für mich bedeutet hätte, wenn sie mir noch gehörte." Es handelt sich um eine der vielen Stellen von Haskells Roman, in dem die Frage aufgeworfen wird, wie man den Dingen näher rücken kann. Je länger Jack jedoch unterwegs ist, desto mehr sieht er ein, dass er von diesem Begehren nach Wahrheit durch Einfühlung absehen muss.

Jacks Bewegung verläuft letztlich weniger zurück in die Welt, als noch weiter aus ihr hinaus: zu einem Zustand, in dem das Selbst keine Rolle mehr spielt, aber die Evidenz des Wirklichen dennoch hingenommen werden kann. Die sieben Todsünden verweisen auf Triebe, die Jack an der Vervollkommnung dieses Zustands hindern. Sie konfrontieren ihn mit sich und einer Welt, in der er seinen Platz räumen, seinen Traum aufgeben muss. Haskells beschwörerische Prosa lässt einen an diesem inneren Kampf teilhaben - auch wenn es ihm nicht ganz gelingt, die Ambivalenz aus Realismus und allegorischer Überhöhung bis zum Ende aufrechtzuerhalten. Da muss dann doch eine Auflösung der Urszene her und ein wenig zu viel Klarheit geschaffen werden. (Dominik Kamalzadeh/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.11.2006)

  • John Haskell: "Amerikanisches Fegefeuer" Aus dem Amerikanischen von Volker Oldenburg. 20,40 € / 264 Seiten, Tropen Verlag, Berlin 2006.
    buchcover: tropen verlag

    John Haskell:
    "Amerikanisches Fegefeuer"
    Aus dem Amerikanischen von Volker Oldenburg. 20,40 € / 264 Seiten, Tropen Verlag, Berlin 2006.

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