
Der so genannte "Steinach-Effekt" war die erstaunliche Folge von Hoden- und Ovarientransplantationen, der Röntgenbehandlung der Eierstöcke oder der Unterbindung der Samenstränge. Früh vergreiste Männer wurden wieder leistungsstark, potent und lebenslustig; bei der zunächst seltener berichteten Verjüngung von Frauen erlebten diese plötzlich ein vom Klimakterium befreites Dasein. In endloser Reihung wurde von seltsamen Verwandlungen hoffnungslos scheinender Fälle berichtet, wie dem eines 51-jährigen Herren mit depressivem Gesichtsausdruck. Senium praecox und Klimakterium virile, so lautete die niederschmetternde Diagnose: "Er war sehr verstimmt, war am Tage matt, schlief häufig im Büro ein, sah seine Arbeitskraft völlig darniederliegen und mußte seinen Beruf als Fabrikant aufgeben." Monate später jubelte der früh Vergreiste: "Es geht mir glänzend, ich denke nicht mehr an Krankheit. Mein Geist ist klar. Ich kann wieder logisch denken und disponieren, kann nicht nur schwere körperliche Arbeit leisten, sondern auch wieder im Geschäftsleben wirken und verdienen. Mein Kopfhaar wächst bedeutend stärker und ebenso wie der Bart schneller. Ich habe starken Drang zum Sexualverkehr und führe den Koitus dreimal pro Woche aus."
Leistungsstärke und wiedererwachte Potenz waren die behaupteten Folgen des Verjüngungseingriffs, der in der Sommersaison 1920 auch die Kabaretts und Operettenbühnen belebte. Der sprichwörtliche Lustgreis, der sich einer "Steinach-Therapie" unterzogen hatte, gehörte zum langlebigen Inventar der Witzzeichnungen. Die Verjüngungsoperationen Steinachs und seines Kollegen Serge Voronoff, eines Chirurgen, der in Frankreich mit Transplantationen von Affenhoden und -ovarien für Aufsehen sorgte, fanden weltweit zahllose mehr oder weniger seriöse Nachahmer und eine begierige Kundschaft. Schriftsteller wie Knut Hamsun und William Butler Yeats erhofften sich eine Renaissance ihrer kreativen Fähigkeiten. Auch Sigmund Freud wollte vermittels "Steinach-Operation" sein Krebsleiden heilen. Der "Verjüngungsrummel" der Zwanzigerjahre ist ein eindrucksvolles Beispiel für die moderne Verknüpfung utopischer Versprechen und biopolitischer Notstandslösungen mit naturwissenschaftlicher Faktenproduktion.
Der 1861 im Vorarlberger Hohenems geborene Eugen Steinach konnte eine beeindruckende wissenschaftliche Laufbahn aufweisen. Von 1912 bis 1932 leitete er in Wien die tierphysiologische Abteilung der "Biologischen Versuchsanstalt der Akademie der Wissenschaft", die allgemein unter dem Namen "Vivarium" bekannt war. Zeitgenössisch wurde Steinach damals als den beiden anderen herausragenden jüdischen Wissenschaftern, Freud und Einstein, ebenbürtig angesehen. Wissenschaftliches Renommee hatte Steinach bereits in den 1910er-Jahren durch seine Experimente zur hormonellen Geschlechtsausbildung erlangt. Diese Forschungen erschienen in angesehenen Fachzeitschriften, wurden aber kontrovers diskutiert. Steinachs Methodik basierte auf der Annahme, dass hormonell aktive Zwischenzellen im Hoden, die er mit dem werbewirksamen Namen "Pubertätsdrüse" versah, für die Ausbildung der Geschlechtsmerkmale verantwortlich seien. Im Tierexperiment versuchte Steinach, die Pubertätsdrüse für Geschlechtsumwandlungen zu aktivieren. Er berichtete von beeindruckenden "Verweiblichungen" durch die Überpflanzung von Ovarien in zuvor kastrierte Versuchstiere. Steinach bewies die hormonelle Bedingung der Geschlechtsausbildung und bot Mittel zu deren Regulierung an, die in ominösen "Homosexuellenbehandlungen" kulminierten. Die Ausweitung dieser Experimente auf das große Versprechen der Verjüngung kam nicht von ungefähr. Schon 1889 hatte der Physiologe Charles-Édouard Brown-Séquard in einem berühmt gewordenen Selbstversuch die Wirkung einer Mixtur aus Samen und extrahiertem tierischen Hodensaft als Verjüngungseffekt beschrieben.
Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs kam es zu einem einschneidenden Wandel, der das moderne Ideal leistungsfähiger Jugendlichkeit dem Schreckensbild eines überalterten Volkskörpers entgegenstellte. Steinach bot medizinische Lösungen für gleich zwei Notstände an, die auch zentrale Motive der Wiener Moderne waren: für die Männlichkeitskrise und den Generationenkrieg. Steinachs perplex einfache Erklärung für die Verjüngung des Mannes lautete, dass die für vitale Jugendlichkeit verantwortliche Pubertätsdrüse im Alterungsprozess von den hormonal untätigen Samenzellen überwuchert werde. Eine Stärkung der Pubertätsdrüse auf Kosten der Samenkanälchen müsse demnach den Zustand der Jugend wiederherstellen. Die von ihm bevorzugte Methode war die Abbindung der Samenleiter, die auf der modernen Trennung von Fortpflanzung und Sexualität beruhte und Jugendlichkeit durch den Akt der Sterilisation herstellte.
Es war vor allem diese skandalöse Verbindung von Unfruchtbarkeit, Potenz und Leistungsstärke, die die Steinach'sche Verjüngung für seine Kollegen an den deutschen Universitäten unmöglich machte - weniger die Haltlosigkeit des Verjüngungsversprechens selbst. Während Steinachs Mitarbeiter versuchten, mit wissenschaftlichen Mitteln bis hin zu Menschenversuchen die Solidität der Verjüngungsthese zu beweisen, blieben die versprochenen Wunder aber aus: Die Sexualhormone wollten sich der utopischen Forderung nicht beugen. Steinach sollte zwar in Bezug auf die hormonelle Bedeutung der Zwischenzellen einen wissenschaftlichen Streit gewinnen, aber den proklamierten Sieg im Kampf gegen das Alter konnte er nicht davontragen. Nach dem "Anschluss" Österreichs durfte Steinach sein Heimatland, das er für einen Aufenthalt in der Schweiz verlassen hatte, nicht wieder betreten. Er starb vergessen am 14. Mai 1944 in der Nähe von Montreux.
Die Hervorbringung wissenschaftlicher Tatsachen ist immer auch ein historisches Ereignis. Pseudowissenschaftlich wird sie, wie im Falle Steinachs, erst dann, wenn sie unbeirrt einem utopischen Voluntarismus unterworfen ist. Steinachs 1926 formulierte Prophezeiung, dass niemand mehr den Verjüngungsbazillus hinausbekomme, sollte sich jedoch - die aktuelle Anti-Aging-Medizin belegt dies - als richtig erweisen. (Von Heiko Stoff/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 11. 2006)
Naja, also bevor ich mir etwas von einem Affen transplantieren lasse oder mir an den Hoden herumschnippell asse, da greife ich bei Erektionsstörungen lieber auf altbewährtes wie Levitra und co zurück. Es muss doch nicht immer lgeich alles in einem Eingriff enden, oder? Trotzdme lese ich auch aus dem Artikel heraus, dass die Methode sher wohl umstritten ist.
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