Eine Lissabonner Wirtshaustour auf den Fersen von Schriftsteller
Fernando Pessoa
"Die Konfiguration der Bars ist etwas sehr Persönliches, denn jeder
Trinker hat seine eigene Landkarte und jede Landkarte ihre eigenen
Häfen", so beschrieb der Schriftsteller José Cardoso Pires das
Nachtleben der Stadt Lissabon. Auch Fernando Pessoa hatte eine solche
Landkarte, sie umfasste das Café A Brasileira in der Oberstadt Lissabons
ebenso wie das das Restaurant Leão und das altehrwürdige Marthino
da Arcada an der Praça do Comércio, in das Pessoa meist am
späten Nachmittag einkehrte, um dort Kaffee, Absinth oder Tresterschnaps
zu trinken.
Fernando Pessoa, geboren 1888 und gestorben 1935, gilt als der bedeutendste
portugiesische Autor des letzten Jahrhunderts. Seine von Melancholie,
Nachdenklichkeit und Selbstbespiegelung geprägten Werke, die zum
Großteil erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden, thematisieren
existenzielle Fragen, sind aber im gewissen Sinne auch etwas typisch
Portugiesisches, vielleicht sogar eine Art literarischer Fado, ein Ausdruck der
allgegenwärtigen portugiesischen Sehnsucht nach etwas Abwesendem, der
Saudade. "Ich bin der", so heißt es bei Pessoa, "der ich
nicht zu sein vermochte."
Klein-Stadtspaziergang
Die gebürtige Westfälin Simone Klein, die lange Zeit als Journalistin an
der Algarve gearbeitet hat, bietet seit zwei Jahren einen gut zweistündigen
Literatur-Spaziergang durch Lissabon an, der die Besucher der portugiesischen
Hauptstadt auf eine charmante Art und Weise mit der Lissabon-Landkarte
Pessoas, aber auch mit seinem Leben und Werk vertraut macht - und der
gleichzeitig hilft, einen ersten Eindruck der meist von hel- lem Sonnenlicht
überzogenen 560.000-Einwohner Stadt am Tejo zu gewinnen. Einer Stadt,
die für Fernando Pessoa, der als Kind auch einige Jahre in Südafrika
gelebt hatte, ein persönliches Universum dargestellt hat.
Pessoa, das offenbart das von ihm verfasste Werk "Mein Lissabon",
war fasziniert von seiner Heimatstadt, die sich schon von weit her "wie ein
schönes Traumgesicht" erhebt: "Kuppeln, Denkmäler, das
alte Kastell ragen über die Menge der Häuser hinaus wie weit
vorgerückte Boten dieses entzückenden Fleckens, dieses gesegneten
Landstrichs." Im "Buch der Unruhe", seinem bekanntesten und
populärsten Werk, schreibt Pessoa: "Hätte ich die Welt in der
Hand, so würde ich sie doch, dessen bin ich sicher, gegen eine Fahrkarte in
die Rua dos Douradores eintauschen."
Die zentralen Anlaufstellen im Leben Fernando Pessoas, sie liegen nahe
beieinander, sieht man von seinem letzten Wohnhaus im Stadtteil Campo de
Ourique einmal ab, in dem sich heute ein kleines Museum - das Casa Fernando
Pessoa - befindet. Das Geburtshaus des Schriftstellers ist vom Café
Brasileira im Stadtteil Chiado, vor dem im Jahr 1988 eine lebensgroße
Skulptur des Literaten angebracht wurde, nur wenige Gehminuten entfernt. Es
liegt am Largo de São Carlos, gegenüber des Opernhauses, die
Fernandos Vater Joaquim de Seabra Pessoa gelegentlich als Musikkritiker
besuchte.
Nach verschiedenen Stationen, die Pessoas Leben in der Oberstadt beleuchten,
geht es bergab in die Unterstadt, die Baixa, die nach dem Erdbeben im Jahr 1755
vom Marquês de Pombal komplett neu aufgebaut wurde. Hier hatte Pessoa
als Handelskorrespondent gearbeitet - und hier liegt auch die Rua dos
Douradores, die dank Fernando Pessoa in die Weltliteratur eingegangen ist.
"Sie dürfte", so mutmaßt Simone Klein, "für
Fernando Pessoa, vielleicht mehr als jede andere Straße in Lissabon, so
etwas wie seine Heimat bedeutet haben."
Tu felix Pessoa?
Nicht weit von der Rua dos Douradores entfernt, in der Rua da
Assunção 42, im Büro der Firma Felix, Valladas & Freitas,
lernte der damals 32-jährige Pessoa die einzige dokumentierte Liebe seines
Lebens kennen - die 19-jährige Ophelia Queiroz. "Als ich die
Liebesbriefe von Fernando Pessoa und Ophelia Queiroz im Jahr 2005 erstmals
gelesen habe, war das wie eine Offenbarung für mich - denn hier bin ich
plötzlich einem ganz anderen Pessoa begegnet, als den, den ich aus seinen
Büchern bisher kannte", beteuert Simone Klein. Und in der Tat scheint
der so melancholische Pessoa kurzzeitig aufgeblüht zu sein.
"Fernando war im Allgemeinen sehr heiter. Er lachte wie ein Kind und fand
alles sehr komisch", schrieb Ophelia über diese Zeit. Doch das
Glück währte nicht lange, Fernando Pessoa zog sich bald wieder in die
Depression und in die Isolation zurück.
Aufs Essen vergessen
Danach wurde Fernando Pessoa zusehends einsamer - und konzentrierte sich
immer mehr auf seine Arbeit. Er schrieb wie ein Besessener und war so im
Gedanken vertieft, dass er häufig vergaß, zu essen. Dies war jedenfalls
der Eindruck des Gastwirts im Martinho do Arcada, der letzten Station des
Pessoa-Sparziergangs.
Hier, am Praça do Comércio, hat man für Pessoa bis heute
eine Platz reserviert und hält ein Kaffee-Gedeck für ihn bereit. Wenige
Tage bevor er an Leberzirrhose starb, hatte Pessoa dieses Café noch
aufgesucht. In Fernando Pessoas Landkarte, so scheint es, war dieses Café
ein Fixpunkt.
Der letzte Hafen Fernando Pessoas ist allerdings kein Bestandteil des
Spaziergangs: Fernando Pessoas sterbliche Überreste, die zuerst am
Friedhof Prazeres beigesetzt wurden, sind mittlerweile in den Kreuzgang des
Hieronymus-Klosters verbracht. Der Kreuzgang war für Pessoa zu seinen
Lebzeiten einer der Schönsten der Welt - und lohnt auch heute noch einen
Besuch. (Rainer Heubeck/Der Standard/Printausgabe/25./26.11.2006)
Pessoa-Spaziergang: Simone Klein von
"Luaverde". Portugal für
Genießer" (Rua Leite de Vasconcelos 33, Tel. (+351)
969 838 183,
info@luaverde.com führt die Spaziergänge ab
zwei Teilnehmern durch; Kosten je nach Dauer zwischen 17,50
und 20 Euro pro Person.
Unterkunft: Wer sich im Zentrum einquartieren
möchte, für den eignet sich das
Hotel Lisboa
Tejo, Rua dos Condes de Monsanto 2,
Tel. (+351) 218 86 61 82,
hotellisboatejo.reservas@evidenciagruopo.com
Auskunft: Portugiesische Handelsdelegation und
Touristikzentrum, Opernring 1, Stiege R, 2. OG, 1010
Wien Tel: (01) 585 44 50,
icepvie@icepvie.co.at
Info: Touristeninformation Lissabon, Rua do
Arsenal 15, Tel. +351/210 31 27 00,
atl@visitlisboa.com
Literaturtipps: Fernando Pessoa: Das Buch der
Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Fischer Verlag,
September 2006. Online-Information zu Fernando Pessoa:
Fernando Pessoa
Allgemeine Info: Lissabon