Vor seinem Tod beschuldigte Litwinenko Präsident Putin

26. November 2006, 18:51
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In posthum veröffentlichten Schreiben - Die Briten zeigen sich skeptisch, die Regierung beschuldigt Moskau bisher mit keiner Silbe

Riesenauflauf vorm University College Hospital, einem Krankenhaus im Zentrum von London. Inmitten des Pulks steht ein kleiner Mann mit einem markanten Gesicht. Dutzende Reporter strecken ihm Mikrofone entgegen, denn Alex Goldfarb ist gekommen, um eine wichtige Erklärung zu verlesen. Zehn, zwölf Sätze, die ihm Alexander Litwinenko in den Block diktierte, als er noch bei Bewusstsein war.

"Sie mögen Erfolg dabei haben, mich zum Schweigen zu bringen. Aber dieses Schweigen hat einen Preis", zitiert Goldfarb seinen Freund. Was folgt, ist eine flammende Anklage gegen Wladimir Putin, den russischen Präsidenten.

"Sie haben gezeigt, dass Sie genauso barbarisch und skrupellos sind, wie es die ärgsten Feinde unter Ihren Kritikern immer behaupten." Putin habe keinen Respekt für das Leben und die Freiheit, er sei seines Amtes nicht würdig. Als Goldfarb, ein russischer Dissident, der heute in New York lebt, den letzten Satz Litwinenkos verliest, ist der schon seit zwölf Stunden nicht mehr am Leben. Am Donnerstag um 21.21 Uhr tat er seinen letzten Atemzug. Die letzten Bilder aus der Intensivstation hatten ihn ohne Haare gezeigt, wie einen Krebskranken nach einer Chemotherapie. Am Mittwoch erlitt er eine Herzattacke, in der Nacht zum Freitag konnte ein Kliniksprecher nur noch seinen Tod verkünden.

"Die Schweine haben mich erwischt", vertraute Litwinenko vor seinem Tod einem weiteren Bekannten an, Andrej Nekrassow, einem Filmemacher. "Sascha war immer ein gut aussehender, starker, mutiger Mensch", erzählte Nekrassow der Times. "Aber der Mensch, der mich da im Spital begrüßte, sah aus, als hätte er ein Konzentrationslager der Nazis überlebt." "Ich glaube, das ist der Preis, den man zahlen muss, wenn man die Wahrheit sagt", soll Litwinenko dem Regisseur gesagt haben. Im Exil hatte der 43 Jahre alte Ex-Agent ein Buch geschrieben, in dem er den russischen Geheimdienst FSB beschuldigt, 1999 Bomben in Moskauer Wohnhäusern gezündet zu haben, um sie dann tschetschenischen Separatisten in die Schuhe zu schieben. So sollte der Ruf nach einem starken Mann laut werden.

Die Briten dagegen bleiben auf ihre bewährte Art skeptisch, wenn es darum geht, das Rätsel zu lösen. Scotland Yard ermittelt nicht explizit wegen Mordverdachts, Tony Blair hat Moskau bislang mit keiner Silbe beschuldigt.

Englische Zeitungen schließen nicht aus, dass die Spur zur Mafia oder "vereinzelten Schurken" im Agentennetz führt. Ebenso ungeklärt wie die Frage nach den Hintermännern ist die nach der Todesursache. Anfangs hieß es, dem Exilrussen sei Thallium in die Fischhäppchen einer Sushibar gemischt worden, Thallium, ein Schwermetall, das benutzt wird, um Rattengift herzustellen. Später tippten die Mediziner auf radioaktive Substanzen, aber auch diese These wurde verworfen. Putin wies am Rande des EU-Russland-Gipfels die Vorwürfe zurück. "Solche Spekulationen sind unbegründet", sagte er in Helsinki und bedauerte den Tod seines Kritikers. (Frank Herrmann aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 25../26.11.2006)

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    Eine Kopie jenes Schreibens, das Liwinenkos Freund am Freitag verlesen hat und in dem der Ex-Spion Präsident Putin für seinen Tod verantwortlich machte.

  • Alexander Litwinenko (re.) im Jahr 1998 bei einer Pressekonferenz in Moska im Gespräch mit einem Kollegen, der sich zum Schutz seiner Identität vermummt hatte.

    Alexander Litwinenko (re.) im Jahr 1998 bei einer Pressekonferenz in Moska im Gespräch mit einem Kollegen, der sich zum Schutz seiner Identität vermummt hatte.

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