Multiprojekt Psychoanalyse

29. November 2006, 13:36
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Anlässlich Sigmund Freuds 150. Geburtstags diskutieren Kulturwissenschafter, wie relevant er in neoliberalen Zeiten noch oder wieder ist

Wien - Freud ist Geschichte, und das ist gut so. Wenn der Historiker Eli Zaretsky das sagt, dann nicht aus ureigenem akademischem Interesse, sondern mit Blick auf die Veränderungen, denen psychoanalytisches Denken seit der Wirkungszeit ihres Gründers unterworfen ist und die zu Gefahren und neuen Chancen führen.

Um diese Veränderungen im kulturwissenschaftlichen Bereich geht es in einer laufenden Tagung. Die Kulturanthropologen der Uni Graz, die Ethnologen aus Wien und das Museum für Volkskunde haben in dessen Räume geladen, um "Positionen, Verbindungen und Perspektiven" einer Psychoanalyse seit dem cultural turn zu diskutieren.

Hinter dem allgemein gehaltenen Titel verbergen sich unterschiedlichste Zugänge zum Erbe Freuds. Unter der Losung "Glück komm! = www.glueck.com" versammelt die Anthropologin Ina-Maria Greverus aus Frankfurt das (medien-)kommerzialisierte Versprechen einer beglückenden Anpassung und fordert mehr Augenmerk auf die Misere, die dem bunten Treiben zugrunde liegt.

In die akademischen Verästelungen hingegen verfolgt Regina Becker-Schmidt, zuletzt Sozialforscherin in Hannover, die Diskurspolitik von Gender und Sex und sucht auf Meta-Ebenen, in autoritativen Netzen und bei Lacan nach einem biologischem Substrat des Themas - zwar in Abgrenzung von früheren feministischen Entwürfen, dennoch überwiegend vergeblich. Anderseits fehle, wie sie Adorno zitiert, dem Bewusstsein ohne sinnliche Erfahrung die Hoffnung aufs Glück.

Glauben die Zuhörer nun, in der psychologischen Auslegung von Psychoanalyse gelandet zu sein, werden sie von Zaretsky eines Anderen belehrt. Er definiert den Freudianismus als dreifaches Projekt: therapeutisch - seit den Siebzigern auf dem Rückzug gegenüber Neurowissenschaft und Psychopharmaka; hermeneutisch - als Kulturtheorie, erfolgreich vor allem in der Zwischenkriegszeit; und ethisch - als Projekt der Selbstreflexion, relevant vor allem für die neue Mittelschicht.

Alle drei Dimensionen sind dem New Yorker Geschichtswissenschafter zufolge auf den globalen Kapitalismus und die resultierende Entwurzelung zurückzuführen. Das zwanzigste ist dementsprechend, wie sein neues Buch auch heißt, Freuds Jahrhundert (bei Zsolnay).

Auf die konträren Positionen, vom postphallischen Diskurs bis zum krassen Freud-Bashing, angesprochen, sieht Zaretsky eher eine Bestätigung, dass Freud entgegen den verfrühten Todesmeldungen auch 150 Jahre nach seinem Geburtstag relevant ist - und noch wichtiger werden könnte, wenn auch nicht durch strenges Beharren auf jedem Wort des Meisters.

Nicht nur machen die Neurosciences verstärkt auf die nicht bewusste Gedankenwelt aufmerksam; das wäre "nur" eine innerwissenschaftliche Auseinandersetzung. Vor allem die Ethnopsychoanalyse habe noch viel zu bieten. "In Zeiten der Globalisierung wird die kritische Selbstreflexion vermittels anderer Kulturen immer wichtiger." Der Buddhismus, die Upanishaden, die Bibel trügen zu einem breiteren Verständnis unserer eigenen Kultur bei. Ohne sie wird auch Zaretskys neues Buchprojekt nicht auskommen: "Die Idee der Linken".

Am heutigen Samstag Vormittag referiert u.a. Mario Erdheim über Psychoanalyse als Forschungsparadigma, Helmut Dahmer und Klaus Theweleit diskutieren über ihre gesellschaftpolitische Relevanz. (Michael Freund/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 11. 2006)

  • Freud, schau oba oder Ein Denken, das sich selbst in die Nase beißt: Margot Schindler vom Österreichischen Museum für Volkskunde erklärt dem New Yorker Historiker Eli Zaretsky eine Tiroler Bildhauerarbeit, Logo ihrer Institution.
    foto: corn

    Freud, schau oba oder Ein Denken, das sich selbst in die Nase beißt: Margot Schindler vom Österreichischen Museum für Volkskunde erklärt dem New Yorker Historiker Eli Zaretsky eine Tiroler Bildhauerarbeit, Logo ihrer Institution.

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