Nicht nur von Pappe

29. November 2006, 09:00
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Chennai, ehemals Madras und Südindiens größte Stadt, mausert sich. Mit einem Mix aus antiken Kulturschätzen, Strandleben und Amusement Parks

Hautenge Jeans tragen die coolen Typen, und ihre beste Weste sowieso. Aber ein bisschen schablonenhaft stehen die indischen Filmstars an Chennais ewig langem, herrlich breitem Strand trotzdem herum - so, wie es von aus Karton geschnipselten Helden ja auch gar nicht anders zu erwarten ist. Entkommen kann man ihnen trotzdem nicht. Wer Südindiens größter Stadt einen Besuch abstattet, landet früher oder später auf dem Pappkameraden-Beach. Etwa um sich, wie indische Mittelschicht-Pärchen, gemeinsam mit den Stars fotografieren zu lassen und um hinterher mit wurmstichigen Gewehren auf Luftballons zu ballern. Man kann natürlich auch bloß den eigenen Gaumen befeuern, mit knallroten Chilli Prawns, der lokalen Seafood-Spezialität von Chennais Marina Beach.

Glamour besitzen aber auch die Kulissen an der anderen Seite der South Beach Road, wie Chennais belebte Küstenstraße heißt. Es sind Architekturtrophäen des 19. Jahrhunderts, als der britische Major "Mad" Mant hier als Erster die Kombination islamischer, hinduistischer und gotischer Stilelemente erprobte - ein gewagter Architektur-Mix, der als Indo-Sarazenischer Baustil Furore machen sollte und dem auch damals multikulturell gestrickten Subkontinent eine allgemein verträgliche Instant-Architektur überstülpte, zugleich eine charakteristische Überdosis an Türmchen und Kuppeldächern. Senat House, Chepauk Palace, Presidency College - mit vereinten Fassadenkräften erinnern all diese Gebäude auch heute an die Geburtsstunde des exotischen Stils.

Madras, das heute Chennai heißt, war im Laufe seiner langen Geschichte eben immer wieder eine historische Nasenlänge voraus - und dabei stets offen für Fremdes. Sogar die Filmstudios der Stadt - ein Highlight jeder Sightseeing-Tour - sind älter als jene von Mumbais abgefeiertem Bollywood, und die Anzahl der hier gedrehten Tamil-Streifen steht jener der glitzernden Diva an der Westküste um nichts nach.

Viel früher noch hatten indessen christliche Missionare Premierenfeier. Daran erinnert das Grab und die Geschichte des Apostel Thomas, der bereits 52 n. Chr. ins tamilische Südostindien gelangte. In einer Höhle stromaufwärts am nahen Adyar-Fluss soll er gelebt und am Strand von Chennais gepredigt haben - wo ihn allerdings einige aufgebrachte Fischer erschlugen.

Und auch Parrys Corner, die städtische Drehscheibe vor Chennais Fort, verweist auf ein gut abgelegenes Stück Geschichte. Die zweitälteste Firma Indiens trägt heute noch den Namen von Thomas Parry, dessen zweihundert Jahre alte Bürogebäude an die kommerziellen Anfänge von Chennais Downtown erinnern.

Hier kriegten die Engländer zuerst den Business-Fuß auf den indischen Boden. Doch der ehemalige Streifen "no-mans-sand" neben dem Fischerdörfchen Madraspatnam, den der Baumwollhändler Francis Day 1639 erschachern konnte, lag trotz strategisch günstiger Isolation im Kernraum südindischer Hochkultur. Zweitausend Jahre alte Dörfer und Kleinstädte verschluckte der Moloch im Laufe der Zeit, beim Bau des modernen Flughafens tauchten gar Funde aus dem Megalith-Zeitalter auf.

Chennais westliche Moden gedeihen so auf uraltem Boden. Knapp sechzig Kilometer südlich von Madras liegt etwa der antike Pallava-Hafen Mahabalipuram, gemeinsam mit der alten Tempelstadt Kanchipuram, im westlichen Hinterland ein Hauptpfeiler des touristischen Dreiecks um Chennai. Doch zunächst kann man den kleinen "Baedeker" getrost in der Tasche stecken lassen.

Vom Wind zerzaust hocken die Blattkronen der Palmyrahpalmen auf langen, dünnen Stämmen, ein Markenzeichen der Coromandel-Küste. Vor allem aber sind entlang der "Chennai-Riviera" Lifestyle und Strandausflug angesagt. Von Mahabalipuram nach Malibu ist es dabei nur ein kleiner Sprung. Das verraten haushohe Highway-Monster wie der Dizzee Bär, die am "Scenic Coastal Highway" mit Kulleraugen für Amusement Parks und das neue "Phantasy India" werben.

Längst boomen Plastik-Shiva und Veggie Burger, und in der Regel stehen lokale Filmstudios hinter den pittoresken Freizeitparks. Wer Pappmaché-Rhinos schon immer einmal ins Maul fahren und den Inline-Skate-Slalom zwischen Tempelsäulen-Attrappen wagen wollte, ist hier goldrichtig. In kurzen Sporthosen, mit Käppi und Sonnenbrille schwärmen die Söhne und Töchter der aufsteigenden Mittelschicht während der Wochenenden nach Süden aus.

Authentischeres als dieses zusammengezimmerte Hinduisneyland hat da, am Ende der "Chennai Riviera", wohl Mahabalipuram zu bieten: nämlich ein archäologisches Wunder. Es kam mit der verheerenden Welle, denn der Tsunami traf auch den Bildhauerort mit starker Wucht. Doch als das Wasser abgeflossen war, hatte es einen bislang unbekannten Granitbären freigesetzt, in dessen Bauchnische ein Gott tanzt. Und zwei Löwen, die die Reißzähne fletschen. Und einen bislang im Ufersand versteckten Tempel.

Fischer sahen, als der Tsunami das Meer weichen ließ, auf dem Meeresgrund Skulpturen. So geben sich zurzeit Archäologen hier Klinke und Schnorchel in die Hand. Doch es braucht keine Taucherbrille, um Mahabalipurams Besonderheiten zu entdecken. Etwas abseits der Hauptstraße, in den seitlichen Wölbungen riesiger Steinmonolithe, findet sich "Arjunas Buße", eines der größten Naturfels-Reliefbilder der Welt. (Robert Haidinger/Der Standard/Rondo/24.11.2006)

Anreise: Gateway in den Bundesstaat Tamil Nadu ist Chennai International Airport. Direktflüge ex Europa werden von der Lufthansa angeboten.
Allgemeine Infos: Indisches Fremdenverkehrsamt
Infos Tamil Nadu: Fremdenverkehrsamt Tamil Nadu
  • Arjunas Buße ist eines der größten Naturfels-Reliefbilder der Welt.
    foto: tamilnadutourism.org

    Arjunas Buße ist eines der größten Naturfels-Reliefbilder der Welt.

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