Max Raabe: Retter der kurzen Glücksmomente

30. November 2006, 18:35
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Mit seinem Orchester verwandelt der Sänger noch bis Samstag die Wiener Stadthalle F in einen Revuepalast aus den 20er-Jahren

Mit STANDARD-Mitarbeiterin Isabella Hager sprach er über die Aufrichtigkeit von Schlagern, weshalb er sich auf der Bühne nicht viel bewegt und was er von der Kirche für seine Show gelernt hat.


Wien - Schlager, bekundet Max Raabe mit schelmischem Augenaufschlag dem gebannten Publikum, würden niemals lügen. "Wenn ich einer Frau keine Komplimente machen will, singe ich eben nicht - und das sei schließlich ehrlich. Seit nunmehr 20 Jahren beglückt der elegante Berliner im Frack mit derlei neckischen Sprüchen, dieser Tage füllt er mit seiner Palastrevue die Stadthalle F.

Die Verkäuferin im Schuhgeschäft, die vom Grafen geheiratet wird, ist das vergnügliche Traumbild, das Raabe im "kultivierten" Stil pflegt. "Diese Musik hat zu allen Zeiten die Leute von der Realität ablenken sollen - auch, als diese politisch meinetwegen korrekt war." Dass diese kurzweiligen Glücksmomente, die man da in den Berliner Varietés der 20er-Jahre erleben konnte, mittlerweile eigentlich von Fernsehserien abgelöst wurden, ist dem segelbeohrten Conférencier klar, ausgedient haben fröhlich verschmitzte Schlagerkompositionen deshalb nicht. "Diese Musik hat eine Qualität", zwar heiter und zugänglich, aber dennoch raffiniert und durchdacht, "die einfach in unsere Tage gerettet gehört". Es käme ja auch niemand "auf die Idee, zu sagen, Beethoven wäre alt".

Also trägt der Bariton mit seiner, den Schellack-Platten sehr ähnlich knarrenden Stimme nicht nur Ur-Schlager wie Bel Ami oder Mein kleiner grüner Kaktus weiter, sondern kleidet auch moderne Texte äußerst sarkastisch in eine antiquierte Musikhülle.

Durchinszeniert

Da heißt es dann etwa in Klonen kann sich lohnen "verlässt du mich, dann klon' ich dich", oder Raabe zieht Tom Jones' Sexbomb wie eine durchsichtige Kaugummiblase dezent auseinander. Zwischendurch tänzeln mit Federn geschmückte Revuegirls durch die stets wechselnden Kulissen - mal spielt das übrigens sehr geforderte Orchester in Mafioso-Anzügen vor der New Yorker Skyline, mal rudert es in gestreiften Hemden kleine Gondeln durch Venedig. Alles das passiert in tadellos durchinszenierter Abfolge, perfekter Symmetrie.

Über Dramaturgie und Bühne hätte er viel als Ministrant bei der Katholischen Kirche gelernt, sagt Raabe und lacht. Vom Spannungsaufbau her wäre eine Messe ein guter Ausgangspunkt, optisch auch: "Lauter Messdiener und ich dazwischen." Dass das Konzept funktioniert, zeigen auch die großen Erfolge in den USA, Japan oder China.

Dass für etwa ein chinesischen Publikum der Humor in den Texten nicht zu erfassen ist, sei nicht weiter tragisch: "Wir können ja mit unserer Musikalität Leute einfach fesseln." Dazu trägt natürlich das "nostalgische Bild eines typischen Deutschen" bei, das Raabe sehr gezielt einsetzt. Oder dass seine Verfremdungen von Popsongs, und auch Nummern wie Cheek to Cheek oder Night and Day mit der für das Orchester so speziellen "Handschrift" in charmant vorgetragene, eigentlich heitere Lieder mit einer merkwürdigen Traurigkeit verwandelt werden. "Das Palastorchester hört man nicht den lieben langen Tag", meint Raabe, es ginge ja um die eingangs erwähnten kurzen Glücksmomente.

Rückblickend befindet Raabe, hätte er es mit seinem Palastorchester ganz richtig gemacht: "Wären wir das damals verbohrt angegangen, vielleicht würden wir dann Rockmusik machen, oder dufte Tanzmusik - und das ist es nicht". Deshalb lässt er sich nicht "aufscheuchen", sondern steht "einfach ruhig da" und singt - das habe eine viel größere Stärke. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.11.2006)

Bis 25. 11.
  • "Ich küsse so gern" - Schlager, meint Max Raabe, haben eine Qualität, "die in unsere Tage gerettet gehört". Die Musik sei zwar heiter, aber auch ganz raffiniert.
    foto: zimmer

    "Ich küsse so gern" - Schlager, meint Max Raabe, haben eine Qualität, "die in unsere Tage gerettet gehört". Die Musik sei zwar heiter, aber auch ganz raffiniert.

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