Spinnen als Erkenntnisweise

15. März 2007, 16:59
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Zum Tod der feministischen Kultursoziologin Gerburg Treusch-Dieter - Geschlechter-Politik und Biomacht waren ihre Schwerpunkte

Berlin - Ob vor kleiner Runde oder großem Publikum: ein Auftritt von Gerburg Treusch-Dieter zeigte ihre erste Ausbildung. Räume um die gelernte Schauspielerin, die die Max-Reinhardt-Schule in Berlin besucht hatte, wurden Bühne. "Sie sucht unkonventionelle Kombattanten, und die sollten so intelligent wie schlagfertig sein", schrieb Ulrike Baureithel, intellektuelle Weggefährtin, zum 60. Geburtstag der feministischen Soziologin und Kulturwissenschafterin.

Eine spät Gerufene

"Ich kam über die Gender-Problematik zum Denken, die allerdings damals noch nicht so hieß, als ich meinen Beruf der Schauspielerin an den Nagel hängte, um mit dem Unbehagen an der Frauenrolle anders umzugehen", erklärte Treusch-Dieter. Geschlechterpolitik und Biomacht wurden Schwerpunkte ihrer Arbeiten auf einem Weg immer auch am Rand der akademischen Pfade: eine spät Gerufene. Mit 57 wurde die 1939 Geborene "außerplanmäßige Professorin an der Freien Universität Berlin", erst nach langer Lehrtätigkeit dort, einer fünfjährigen Professur an den Erziehungswissenschaften in Innsbruck, regelmäßigen Lehraufträgen auch in Wien, an der Akademie der Bildenden Künste und der Soziologie. Bis zuletzt war sie Mitherausgeberin der Kulturzeitschrift Ästhetik & Kommunikation und der linken Berliner "Ost-West"-Wochenzeitung Freitag, die sie auch nicht verließ, als unter Herausgebern Generationenwechsel angesagt war: "Nur wenn die Toten weiter unter den Lebenden sind, kann in einer Zeitung das entstehen, was mit Foucault Geschichte der Gegenwart heißt."

Spindel der Notwendigkeit

Die Beweglichkeit ihres Denkens führte weit über Soziologie und akademischen Feminismus hinaus, beginnend bei der Dissertation bei Oskar Negt "Die Spindel der Notwendigkeit: An Mythen und Märchen" untersuchte sie, wie Frauen der Faden aus der Hand genommen wurde, welche Erfahrung von weiblichem Können und weiblicher List in Maschinen verschwindet.

Treusch-Dieters Faden verband vor allem - abendländische - Geschlechterdiskurse von Aristoteles bis zum immer wieder neu gedachten Michel Foucault, ein wichtiger Fokus galt der Kritik an Gen- und Reproduktionstechnologie: "Es wird Heil versprochen und Zerstörung praktiziert". Treusch-Dieter ist Sonntag in Berlin 67-jährig an Krebs gestorben. (Benedikt Sauer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.11. 2006)

  • Gerburg Treusch-Dieter, 1939 - 2006
    foto: verlag freitag
    Gerburg Treusch-Dieter, 1939 - 2006
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