Afrika! Afrika!

21. November 2006, 18:00
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Drei Bilder, sagte B.s Tochter, nähme sie mit nach Hause – und die Wirklichkeit läge irgendwo dazwischen. Oder ganz woanders

Es war am Wochenende. Da war B. in Wien. Mit ihrer Tochter. Und auch wenn sie zuerst schockiert gewesen sei, meint sei, dass der Mix im Nachhinein vielleicht wirklich gut gewesen sein könnte. Obwohl es natürlich schöner, feiner und einfacher sei, wenn man sich vor ein einzelnes Bild stellen und es zur Wahrheit erklären könnte. In ihrem Fall, sagte B., wäre diese Wahrheit wohl Toni Morrison gewesen.

B lebt nicht Wien. Sie wohnt sie in einer Kleinstadt. Eher einem Großdorf. Dort, sagt B., habe man sich mittlerweile daran gewöhnt, dass ihre Haut dunkel, fast schwarz, ist, sie aber dennoch genau so ein Mensch wie alle anderen ist. Mit Vorzügen und Marotten. Am Anfang, sagt B. sei es zwar mühsam gewesen, vor kleinen und großen Rassismen nicht in die Anonymität abtauchen zu können, mittlerweile habe aber die Nähe und Kleinheit dazu geführt, dass ihre Hautfarbe zum Dorf gehöre, wie Kirchenglocken oder Samstagmittagssirene: Nicht einmal sie selbst denke darüber mehr nach. Und das sei doch nahe am Idealzustand.

Wurzelgeschichte

Trotzdem, sagt B., sei da diese Wurzelgeschichte. Weil ihre vierzehnjährige Tochter sich immer mehr für Herkunft und Diaspora interessiere. Deshalb, sagt B., sei sie am Wochenende nach Wien gefahren: Um „Afrika! Afrika!“ zu sehen – und um Toni Morrison im Rahen der Aktion „eine Stadt ein Buch“ zu hören.

Natürlich, sagt B., könne man über „Afrika! Afrika!“ diskutieren. Weil sie Hellers Ansatz, Respekt durch Staunen zu generieren hinterfrage: Schwarze Sportler hätten durch bloßes Vorhandensein und Toreschießen das Gegrunze von den Rängen nicht abgestellt. Andererseits leite das halt doch auch einen Normalisierungsprozess ein – so wie daheim, im Dorf. Und ihre Tochter, sagt B., sei während der Vorstellung sichtbar gewachsen. Obwohl sie gemeint habe, dass da doch recht viel Baströckchen- und Urwald-Kitsch geboten werde. Aber das, sagt B. habe ihre Tochter gemeint, müsse wohl sein – Spektakelkultur sei halt kein Proseminar.

Schock

Der Schock, sagt B., sei nachher gekommen: Als sie zu ihrem Wagen zurückging, habe da eine junge Frau gelehnt. Mit ihrer Hautfarbe. Und B., sagt B., habe sich gefreut: Ihre Tochter würde begeistert sein, wenn sie zufällig eine Artistin aus Hellers Truppe kennen lernen würde. Weiter, sagt B., habe sie nicht gedacht. Und auch das neben ihr langsam herfahrende Auto nicht beachtet.

Der Beifahrer, sagt B., habe dann, als sie neben der schwarzen Frau bei ihrem Wagen angekommen sei, das Fenster herunter gekurbelt. Und „wieviel für euch drei Negerinnen?“ gefragt. Ihr, B. habe es die Sprache verschlagen. Und als sie wieder klar denken konnte, sei die fremde Frau schon weg gewesen. „No, not them“, sagt B., habe die ins Auto gerufen, mit den beiden Männern verhandelt und sei dann eingestiegen. Für sie, sagt B., sei das wie ein Kübel kaltes Wasser aus dem Nichts gewesen. Sie habe einfach nicht gewusst, dass es im Prater einen afrikanischen Strich gäbe – und sie fände es einerseits befremdlich, aber auch bezeichnend, dass niemand das räumliche Zusammenliegen dieser beiden Klischeewelten und/oder Realitäten anspräche.

Coolness

Ihre Tochter, sagt B, habe das Erlebnis weit weniger schockiert oder irritiert. Ob das nur gespielte Coolness war oder auch das Akzeptieren eines (schwarzen) Frauenbildes, das in Hip-Hop-Videoclips gezeichnet werde, wisse sie nicht. Und, gibt B. zu, sie habe sich im Moment nicht zu fragen getraut. Weil ihr eigene Verwirrtheit und Unsicherheit zu groß gewesen sei.

Aber am nächsten Tag sei es zu spät gewesen. Weil da Toni Morrison im Rathaus gelesen und gesprochen habe. Das sei großartig gewesen. Ein Gefühl, das sie, B., seit Jahren nicht gehabt habe: Mitten in einer weißen Stadt hätten schwarze Frauen das Kommando gehabt. Ganz ohne Ethno-Schnickschnack und Getanze. Nur Kraft ihrer Worte. Ihrer eigenen Wort. Und wären nicht als Bittsteller, sondern selbstbewusst aufgetreten. Das, sagt B., sei wunderschön gewesen. Herzausreißerschön. Und zwar ganz unabhängig von vom Bürgermeister geforderten Maßnahmen (etwa der, dass das N-Wort dort, wo es öffentlich geschmiert werde, zu entfernen sei): Dieses Gefühl, einfach dazuzugehören ohne etwa erklären zu müssen, sagt B., habe sie selten zuvor – oder schon sehr lange - nicht gehabt. Und ihre Tochter habe gestrahlt.

Es sei aber dann ihre Tochter gewesen, die auf der Heimfahrt das gesagt hatte, was sie, B., selbst zu denken sich bis dahin nicht eingestanden habe: Jedes der Bilder, habe das Mädchen gemeint, sei wichtig. Auch wenn sie auf das zweite gerne verzichtet hätte. Aber ganz ohne die Nutte neben dem Auto hätte – im Nachhinein – dem, was sie da mit nach Hause nähme ein wichtiger Teil gefehlt.

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