Vom Anwalt zum Mediator

16. Jänner 2007, 12:59
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Streitvermeidung ist nicht das traditionelle Geschäft der Anwälte. Entsprechend reserviert sehen viele von ihnen die Mediation. Aber es gibt auch andere Haltungen

"Der Kuchen wächst für alle"

Alternative Konfliktlösungsmöglichkeiten, vor allem die Mediation, haben keine Tradition unter Advokaten. Rechtsanwalt Andreas Petsche, Partner der Kanzlei Baker McKenzie Kerres & Diwok, absolvierte hingegen - auf Basis des Mediationsgesetzes 2004 - als einer der ersten Juristen in Österreich die zweijährige Mediatorenausbildung. Als dem "Stammgeschäft" hinderlich sieht er das nicht. Im Gegenteil: "Meine Grundeinstellung ist, dass der Kuchen für uns alle wächst. Argumente gegen alternative Konfliktlösung basieren auf Ängsten, die ich aber für unbegründet halte." Dies, sagt er, weil "es ja nichts Besseres gibt als zufriedene Klienten". Und: "Vertrauen Sie vielleicht einem Arzt, der Ihnen immer Aspirin verschreibt, egal ob Sie Kopfweh oder einen Beinbruch haben?"

Nicht bloß, sagt Petsche, stelle sich international mittlerweile die Frage, ob bei Nichtanbieten von Mediation eventuell Haftungsfälle für Anwälte entstehen könnten, sondern: "Es geht um bestimmte Qualitäten, die dieser Berufsstand braucht." Damit meint er vor allem das kommunikative Rüstzeug. "Das fehlt am Juridikum total", kritisiert Petsche. Hingegen lobt er die Wiener Wirtschaftsuniversität und ihre Selbstverständlichkeit der so genannten Sozialkompetenzen.

An der WU unterrichtet Petsche im Rahmen des Bakkalaureat-Studiums auch Wirtschaftsrecht. Ohne Kommunikationsqualitäten könnten Anwälte ihren Aufgaben gar nicht gerecht werden, ist Petsche überzeugt und fragt: "Wie erlernt man denn etwa die Kunst der Zeugenbefragung?"

Zurück zur Mediation: "Streiten" ist für den Schiedsrechtsexperten erst die finale Option. Besonders ärgerlich findet Petsche in diesem Zusammenhang Standardklauseln in Verträgen, wonach Streitigkeiten beim jeweiligen Handelsgericht zu klären seien. Das bringe oft unnötige Kosten und Zeitaufwendung für Unternehmen.

"Mediation braucht Skills"

Das Anwaltsbild, sagt Anwältin und Mediatorin Brigitte Birnbaum, habe sich bereits stark vom Streitanwalt hin zum Berater gewandelt. Kommunikative und mediatorische Fähigkeiten hält die Familienrechtlerin und Vizepräsidentin der Rechtsanwaltskammer Wien im Zuge dessen für "ganz zentral". Ältere Kollegen würden zwar noch bisweilen sagen, "das machen wir ja sowieso", aber: "Ein amikales Gespräch ist etwas anderes als Mediation. Die braucht Skills, und die müssen im Zuge einer Ausbildung erworben werden." Deswegen habe sie sich dafür eingesetzt, dass Kommunikation und Mediation Teil des Prüfungsprozesses der Anwärterprüfungen werden.

Birnbaum ist überzeugt, dass jede Kanzlei Mediation in ihrem Angebotskatalog brauche. Dass das noch nicht flächendeckend so sei, sieht sie wohl, aber: "Rom wurde ja auch nicht an einem Tag erbaut." Im Familien- und Erbschaftsrecht habe sich diese Konfliktlösung bereits etabliert, im Wirtschaftsrecht stecke sie noch in den Kinderschuhen, aber auch dort lehre die Erfahrung: "Klienten wollen keine verbrannte Erde. Selbst Streitigkeiten lassen sich nach einem Mediationsprozess besser ausfechten." Nämlich so, dass Geschäftsbeziehungen nicht zerstört werden.

"Etwas für graue Schläfen"

Er sei der Mediation erstmals im Zuge eines Kongresses in Tübingen und mehr zufällig begegnet, sagt der Anwalt und eingetragene Mediator Max- Josef Allmayer-Beck. Rechtsanwalt und eingetragener Mediator. Denn eigentlich wollte er nur einen der Vortragenden treffen. Doch nach den Reden der US-Mediationspioniere Jack Himmelstein und Gary Friedman - mit dem Nachsatz "Mediation könnte unter Umständen etwas für graue Schläfen sein" - fühlte sich der Partner und Gesellschafter von Allmayer-Beck & Stockert angesprochen. Er entschloss sich zur Ausbildung und wurde in der Folge Mitbegründer der Anwaltlichen Vereinigung für Mediation und kooperatives Verhandeln (AVM), um die Mediation auch in Österreich "hoffähig" zu machen.

Der Überzeugungsprozess unter der Anwaltschaft war aber alles andere als einfach: Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten oder etwa Großbritannien, sagt Allmayer-Beck, seien die Prozesskosten in Österreich überschaubar und so eben auch die Prozessdauer. Warum sollte man als Anwalt die Mediation dem Gerichtsprozess vorziehen?

Vorurteile gab es damals reichlich: von geschäftsschädigenden Praktiken bis hin zur "Nische für die eher weichen Kollegen", berichtet Allmayer-Beck. "Kurz: Man hatte keine Vorstellung davon, was Mediation ist und wie nützlich sie sein kann. Man konnte vor rund zehn Jahren ja auch auf keine konkreten Fälle in Österreich verweisen."

Heute aber sei alles anders: Es gebe es keine große Wirtschaftskanzlei, die keine Mediatoren als externe Partner haben. Am Feld des Familienrechts habe Mediation sich als nützlich erwiesen, im Arbeitsrecht sei sie im Vormarsch, und wirklich exzellent aufgestellt sei sie im Bereich der Umwelt, sagt er. Für Allmayer-Beck bleibt zu hoffen, dass sich die Wirtschaftsmediation ähnlich gut entwickelt. Denn: Dem Unternehmer liege meist wenig daran, einen potenziellen Konflikt zu delegieren. Sie wollen die Hoheit behalten, um den geschäftlichen Kontakt und die Zusammenarbeit erfolgreich fortführen zu können.

"Mediation nicht überschätzen"

Mit den immer komplexer werdenden Zusammenhängen von sozialen und wirtschaftlichen Wechselwirkungen steigen die Anforderungen an justizielle Konfliktlösung, konstatiert Wolfgang Leitner, Partner der Kanzlei Leitner & Platzgummer. Und, räumt er ein, nicht selten blieben unbefriedigende Ergebnisse. So erklärt er das zunehmende Bedürfnis nach alternativen Konfliktlösungsmodellen, da ja aufwändigere Verfahren durch erhöhte Regelungsdichte, durch mehr Streben nach Einzelfallgerechtigkeit, auch höhere Kosten brächten.

Wohl gewinnt Leitner der Mediation viele positive Aspekte ab, aber er sieht auch deutliche Grenzen in dieser Methode:

  • Die Mediation könne nicht zum Erfolg führen, wenn nicht auch der Gegner vom Grundsatz her kompromissbereit ist und mit offenen Karten spielt.

  • Ein Mediationsversuch mit einem unnachgiebigen oder unehrlichen Gegenüber berge die Gefahr für den mediationsbereiten Teil, dass der eigene Standpunkt geschwächt wird, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten. Es kann sich so die Ausgangslage für einen dann noch notwendigen Prozess für den sich kooperativ verhaltenden Mediationspartner verschlechtern.

  • Generell sei der harmoniebedürftigere Teil bei der Mediation gefährdet; er sei geneigt, um des lieben Friedens Willen mehr nachzugeben als der scheinbar aber nicht wirklich kooperativ auftretende Gegner. Es spricht viel für die Annahme, dass z. B. in familienrechtlichen Mediationen häufig der weibliche Teil wenn nicht schon über den Tisch gezogen, so doch häufig finanziell auffallend benachteiligt aussteigt, weil vor allem wirtschaftliche Rechtspositionen ins Detail gehende und daher auch kostspielige Ermittlungen erfordern, die mit meditativen Mitteln, wenn der Gegner nicht ehrlich kooperiert, nicht zu bewältigen sind.

    Leitner sieht deshalb für Mediation einen "ergänzenden Platz" im Rahmen der bestehenden Konfliktregelungsmechanismen, man dürfe aber nicht der Illusion verfallen, sie könne einen Richter ersetzen.

    Auch wenn durch diese Institutionalisierung der einvernehmlichen Streitbeilegung - im Familienrecht, im Umweltschutz, in arbeitsrechtlichen Konfliktlagen oder auf allgemeinen Gebieten unternehmerischer Probleme - "wenn richtig eingesetzt" zum Wohle der Betroffenen "mancher zeitraubende, unrationelle, unfinanzierbare Rechtsstreit" verhindert oder abgekürzt werden könne: Mediation dürfe nicht überschätzt werden und könne im Ernstfall die Aufgaben einer "nach rechtsstaatlichen Grundsätzen zufrieden stellend funktionierenden Justiz" nicht ersetzen. (Karin Bauer, Heidi Aichinger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.11.2006)

    • Mediator Alexander Petsche: "Der Kuchen wächst für alle."
      foto: standard/andy urban

      Mediator Alexander Petsche: "Der Kuchen wächst für alle."

    • Mediatorin Brigitte Birnbaum: "Mediation braucht Skills."
      foto: standard

      Mediatorin Brigitte Birnbaum: "Mediation braucht Skills."

    • Mediator Max-Josef Allmayer-Beck: "Etwas für graue Schläfen."
      foto: standard/regine hendrich

      Mediator Max-Josef Allmayer-Beck: "Etwas für graue Schläfen."

    • Anwalt Wolfgang Leitner: "Mediation nicht überschätzen"
      foto: standard/christian fischer

      Anwalt Wolfgang Leitner: "Mediation nicht überschätzen"

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