Sexy Mutter Erde

9. März 2007, 15:11
posten

Umweltbewusste Mode sieht aufregender aus, als sie klingt: Wenn Ökomode nämlich englisch cool "eco fashion" heißt und toll designt ist, hat man gleich einen neuen Trend

In seiner Kleidung soll man sich wohl fühlen. Bloß, wie soll diese allgemein bekannte Gleichung aufgehen, wenn sich beim Kauf des neuen Outfits gleich wieder eine böse Vermutung einschleicht? Die gerade gekaufte Montur ist doch wahrscheinlich auf Kosten schlecht verdienender Arbeiter in der Dritten Welt produziert - und umweltverträglich wahrscheinlich auch nicht einmal.

Im Laufe der vergangenen Jahre hat die Modeindustrie einiges von ihrem schönen Schein verloren. Die zahlreichen Globalisierungsdebatten haben die fröhliche Lust auf Mode gehemmt. Schließlich wissen inzwischen die meisten Konsumenten von unsozialen und umweltschädlichen Produktionsbedingungen. An das attraktive Versprechen, das Marken ausschweifend geben, wird heute nicht mehr so leichtfertig ge-glaubt. Etablierte Brands versuchen das Bedürfnis ihrer Kunden nach einer neuen Verantwortung durch Unterstützung von sozialen Projekten und Spenden zu befriedigen. Die Labels werden zwar langsam sozial, großteils aber nicht die Produkte, auf denen sie prangen - das erscheint wie das Rote Kreuz auf Camouflage. Bleibt da also doch nur der Griff zum Leinensack?

Wohl nicht - denn inzwischen fördern auch Stilikonen wie Sienna Miller oder Leonardo DiCaprio ökologische Mode. Die Bandshirts von angesagten Popmusikern wie Coldplay und Moneybrother sollen ohne Ausbeutung in der Dritten Welt gefertigt sein. Und Model Summer Rayne-Oakes begibt sich bevorzugt in Mode von ökologischen Designern auf den Laufsteg.

Der neue Trend, sich mit ökologischem Bewusstsein zu kleiden, verdankt sich einigen neuen Modelabels, die den Begriff "Ökomode" vom Klischee der grauen Baumwollgewänder befreien wollen.

Der Großteil der Szene befindet sich auf der britischen Insel. Hier sind gerade eine ganze Reihe von jungen - noch zu entdeckenden - Designern aktiv, die sich der "eco fashion" verschrieben haben. Vor Kurzem stellten sich die wichtigsten von ihnen mit der Ausstellung "Well Fashioned: Eco style in the UK" vor, die in England den neuen Ökolook bekannt machte. "Green is the new black", jubelte die englische Presse.

Nächstenliebe statt egoistischen Eskapismus

Die dort gezeigten Kollektionen junger englischer Bio-Schneider machten deutlich: "Ökomode" sieht aufregender aus, als sie klingt: Bunte, jugendliche Kleidung wechselt sich mit eleganten Outfits ab. Und gemeinsam haben sie alle eines - keine chemische Färbung, nicht in Sweatshops gefertigt, recycelte und umweltverträgliche Materialien. Nachhaltige Nächstenliebe statt egoistischen Eskapismus.

Die junge Britin Rebecca Earley ist in England eine der einflussreichsten Öko-designerinnen und Gründerin des angesagten Eco-Labels "B.Earley". Neben ihrer Tätigkeit als Dozentin für Modedesign an der Designhochschule in Chelsea entwickelt Earley in zahlreichen Projekten umweltverträgliche Mode. Earley möchte nicht nur neue Trends setzen, sondern mit Kleidung die Umwelt beeinflussen. Die Möglichkeiten der Designer, zu einer besseren Umwelt beizutragen, sind vielfältig. So arbeitet sie mit an interessanten, zukunftsträchtigen Modellen wie z. B. einem Pullover, der durch sein abstraktes Muster Schmutz zum Bestandteil des Designs macht und an "kritischen" Körperstellen wie den Achseln ventiliert wird. Sechsmal weniger zu waschen spart schließlich Wasser. Aber nicht nur in England ist man aktiv. In den USA zählt die Ökodesignerin Linda Loudermilk zu den angesagten Kreateuren der Stars, und das niederländische Label Kuyichi ist bereits seit fünf Jahren im Geschäft.

Weitaus weniger edle Ideale leiten Dov Charvey. Die Ethik des Präsidenten des Basic-Wear-Labels American Apparel ist einfach: "Ich will Geld machen, aber ich will es mit gutem Gewissen verdienen." Deshalb garantiert Charvey, dass ein Produkt von American Apparel auch gewiss nicht von ausgebeuteten Arbeitern in der Dritten Welt gefertigt ist, sondern in Los Angeles, wo das Label seinen Sitz hat. Ökologisch ist der Großteil zwar nicht gefertigt, aber gerade ist die "Sustainable Edition" auf den Markt gekommen, die dieses Kriterium erfüllt. Zufriedene, gut bezahlte Mitarbeiter fertigen Kleidung, die zufrieden macht und zu bezahlen ist. Damit ist der "Unternehmer des Jahres 2004" wohl einer der großen Profiteure des Booms der neuen sozialen Verantwortung in der Modewelt. Der einstige T-Shirt-Straßenhändler schreibt jetzt als Multimillionär ein weiteres Kapitel im Märchenbuch des amerikanischen Traums.

Um Mutter Erde kümmern

Vom Saulus zum Paulus dagegen haben sich Marithé und François Girbaud gewandelt. Früher waren die beiden bei der Nutzung neuester Technologien stets ganz vorn, um ihre Mode weiterzuentwickeln. Effizienz war die einzige Messlatte, Umweltverträglichkeit dagegen im Firmenvokabular nicht vorhanden. Im Gefolge des 11. September aber hat das technikbessesene Designerpärchen einen Gewissenswandel durchgemacht und präsentiert sich als geläutert. Beide wollen mit Parolen wie "Mode zuerst" oder mit umweltschädlicher Kleidung nicht länger zu tun haben. So lehnt das Paar auch Stonewashed Jeans ab, die beide einst selbst erfanden. "In der Mode sollten wir uns nicht so sehr um den einzelnen Menschen kümmern, sondern mehr um 'Mutter Erde'", sagt François Girbaud.

Wenn es um die Rettung der Welt geht, darf einer bekanntlich nicht fehlen: Bono, der Frontmann der irischen Rockband U2. Auch in der Mode kämpft der umtriebige Sänger für soziale Arbeitsbedingungen und ökologische Innovationen. Um das auch wirklich garantieren zu können, hat der Ire sein eigenes Modelabel "Edun" gegründet, bei dem der New Yorker Designer Rogan Gregory nun zusammen mit Bonos Gattin Ali Hewson designt.

Nach Österreich ist der Trend noch nicht recht geschwappt. "Bei der österreichischen Textilindustrie ist man erst bei der Definition des Wortes 'Ökomode'", sagt Michaela Knieli von der Wiener Umweltberatung. Es gibt zwar einige größere Vorreiter wie Hess Natur, Maas Natur oder Grüne Erde (nur Textilien, keine Mode). Dies sind jedoch Einzelfälle.

Diejenigen Händler, die Ökomode anbieten, sind über das ganze Land verstreut und haben auch meist nicht die angesagten Marken im Sortiment. T-Shirts von "American Apparel" gibt es zum Beispiel in Wien nur bei "Zapateria" in der Kirchengasse. Umweltbewusste Modefans in Österreich müssen sich also gedulden. Vorerst bleibt nur der teure Onlineshop. (Johannes Lau/Der Standard/Rondo/24/11/2006)

  • Auch in der Mode kämpft Bono für soziale Arbeitsbedingungen und ökologische Innovationen. Deswegen hat er sein eigenes Modelabel "Edun" gegründet. Damit liegt er im Trend: Ökomode schreibt gute Zahlen.
    foto: hersteller

    Auch in der Mode kämpft Bono für soziale Arbeitsbedingungen und ökologische Innovationen. Deswegen hat er sein eigenes Modelabel "Edun" gegründet. Damit liegt er im Trend: Ökomode schreibt gute Zahlen.

  • Artikelbild
    foto: hersteller
Share if you care.