Harri, fahr doch mal das Fahrrad vor

16. März 2007, 12:27
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Harri Koskinen ist ein Vertreter des jungen finnischen Designs - Er entwirft Leuchten, Uhren, Möbel und vieles mehr, träumt davon, ein Fahrrad zu gestalten, und geht es gern easy an

Der Standard: Herr Koskinen, hat das finnische Design ein Imageproblem?

Harri Koskinen: Kann sein, aber darum kümmere ich mich nicht. Es ist nun einmal so: Viele finnische Firmen arbeiten separiert vor sich hin. Sie verstehen nicht, dass Design wichtig ist. Ganz anders die Schweden. Absolut Vodka oder Volvo etwa sind genial in Sachen Kommunikation. Bei uns dagegen fehlt es oft noch an tatkräftiger Unterstützung.

Der Standard: Hat es auch mit der ökonomischen Situation zu tun?

Harri Koskinen: Sicher, weltweit ist die Situation seit Jahren nicht mehr einfach, auch nicht für Designer. Sich längere Zeit auszuruhen geht nicht. Aber ich mag die Freiheit, die mir der Job bringt.

Der Standard: Wie viel Freiheit gibt es denn?

Harri Koskinen: Das hängt natürlich von der Firma ab. Manchmal muss man auch in einem eng abgesteckten und disziplinierten Rahmen arbeiten. Aber das kann auch hilfreich sein: um sich zu fokussieren. Nehmen wir den Schichtholzstuhl hier, den ich gerade als Prototyp für Artek entworfen habe. Für den hatte ich nur wenig Zeit, aber es ist ein superökonomischer Stuhl aus nur zwei Komponenten geworden. Vielleicht gerade deswegen.

Der Standard: Man muss sich diesen schlichten Holzstuhl nur einmal anschauen und weiß: Das ist nordisches Design! Stört Sie das?

Harri Koskinen: Ich komme zwar mitten aus den finnischen Wäldern, aber genau deshalb mag ich mich nicht von der Natur inspirieren lassen. Dem Klischee des finnischen Designers entspreche ich nicht. Ich mag zwar Natur, aber mich inspirieren Technologien, Methoden, Gespräche mit anderen Menschen.

Der Standard: Eben sprachen Sie vom Fokussieren. Sie haben im Design schon fast jedes Feld bespielt: Geschirr entworfen, Möbel, Uhren, Lampen. Wäre es nicht ein Traum, sich statt auf viele verschiedene Dinge nur auf ein Objekt konzentrieren zu können?

Harri Koskinen: Nein, denn das Entscheidende ist, wie man sich Dingen nähert. Was zählt, ist die gute Idee - egal, welches Objekt man gerade designt. Bei jedem neuen Entwurf eröffnet sich einem eine neue Welt. Das fesselt mich am Design.

Der Standard: Gibt es auch Dinge, die Sie kalt lassen?

Harri Koskinen: Mir geht es nicht so sehr um Formen. Heute reicht es nicht mehr, sich nur um die Form zu kümmern. Man muss Konzepte entwerfen. Deshalb bin ich an allem interessiert, was mit neuen Technologien zu tun hat. Und daran, wie sich Menschen verhalten.

Der Standard: Was resultiert daraus für das Design?

Harri Koskinen: Für mich ist es offensichtlich: Was wir am meisten brauchen, ist gute Zusammenarbeit, auch zwischen den Disziplinen. Gefragt sind gute Ideen für zeitgenössisches Leben. Und dazu gehört auch, sich mit Problemen wie der Erderwärmung auseinanderzusetzen.

Der Standard: Das bedeutet ...

Harri Koskinen: ... als Designer nicht einfach blind den x-ten Stuhl zu entwerfen, sondern sich in die Pflicht zu nehmen und Materialien heranzuziehen, die etwa recycelbar sind. Design kann die Welt besser machen, wenn man andere Wege geht als andere Menschen.

Der Standard: Gut gesprochen, aber klingt auch nach großem Optimismus.

Harri Koskinen: Sicherlich, Designer können Firmen nicht beeinflussen. Die würden auch ohne Designer produzieren - ob nun unökologischen Unsinn oder nicht. Und sicher kann ich als einzelner Designer nur kleine Dinge bewegen. Aber wir sollten die Fähigkeiten verstehen, die wir haben und sie dementsprechend nutzen. Ach, und was mir dazu gerade einfällt ...

Der Standard: Wir hören!

Harri Koskinen: Als Industriedesigner gab es irgendwann den Punkt, an dem ich verstand: Ich bin kein Künstler! Dann bekam ich den Auftrag, für Venini Vasen zu designen. Und was musste ich lernen? Meine Industrie-Objekte wurden nicht akzeptiert. "Wir stellen Glaskunst her", wurde mir gesagt. "Bitte konzentriere dich auf Kunst!" Das war schon interessant. Und motivierend zugleich.

Der Standard: Welches Objekt würden Sie von Herzen gerne entwerfen?

Harri Koskinen: Auch wenn das angeblich viele Designer sagen: Ein Fahrrad würde mich reizen. Dann aber mit durchdachten Designideen wie jener, die noch niemand gelöst hat: Wohin mit dem Fahrradhelm?

Der Standard: Warum entwerfen Sie dann nicht einfach einen Prototyp, wie Sie es auch mit dem Bettsofa gemacht haben, auf dem wir jetzt sitzen, und für das Sie nun - eher per Zufall - einen eventuellen Produzenten gefunden haben?

Harri Koskinen: Ganz ehrlich? Ich bin faul. Und was das Sofa angeht: Eigentlich war ich auch gar nicht so scharf auf Möbeldesign. Es hat sich mehr so ergeben. Und das habe ich nun davon: Demnächst werde ich ein ganzes Sommerhaus hier in Finnland entwerfen. Von der Türklinke bis zum Dach. Eines aber ist klar: Das Design der Möbel wird detailreich, aber reduziert sein. (Mareike Müller/Der Standard/Rondo/24/11/2006)

  • Harri Koskinen, geboren 1970 in Karstula,  gehört zu den wichtigsten jungen Designern  Finnlands, zu seinen Kunden zählen unter anderem Iittala, Arabia, Schmidinger Modul, Issey Miyake, Finlayson Beds. Seine bekannte Leuchte  "Block Lamp", eine Lampe wie ein Eisblock, 
feiert dieses Jahr zehnjähriges Jubiläum
    foto: koskinen

    Harri Koskinen, geboren 1970 in Karstula, gehört zu den wichtigsten jungen Designern Finnlands, zu seinen Kunden zählen unter anderem Iittala, Arabia, Schmidinger Modul, Issey Miyake, Finlayson Beds. Seine bekannte Leuchte "Block Lamp", eine Lampe wie ein Eisblock, feiert dieses Jahr zehnjähriges Jubiläum

  • Leuchte "Cosy in grey" für Muuto
    foto: hersteller

    Leuchte "Cosy in grey" für Muuto

  • Die bekannte "Block lamp" für Design House Stockholm
    foto: hersteller

    Die bekannte "Block lamp" für Design House Stockholm

  • Uhr "Vakio" für Issey Miyake
    foto: hersteller

    Uhr "Vakio" für Issey Miyake

  • Sessel "Nextmaruni" für Maruni
    foto: hersteller

    Sessel "Nextmaruni" für Maruni

  • Windlichter für Iittala
    foto: hersteller

    Windlichter für Iittala

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