Durch die Brille des Voyeurs

23. November 2006, 18:40
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Nichts für Eltern dicker Kinder: "Jarvis", das erste Soloalbum von Jarvis Cocker, einst Sänger von Pulp

Jarvis Cocker, neben Bryan Ferry der letzte britische Pop-Dandy, legt mit "Jarvis" sein Solodebüt vor.


Eine Erkenntnis des Jarvis-Cocker-Albums lautet: Nur weil man selbst ein Kind hat, muss man Kinder generell noch lange nicht mögen. Erst recht nicht fette Kinder. Im ungewöhnlich punkigen Fat Children fantasiert er darüber, wie er von einer Meute übergewichtiger Kids überfallen und von ihnen ins Reich des Todes überführt wird. Wegen seines neuen Handys! Doch Jarvis schwört Rache und wandelt als Geist durch die Straßen von Tottenham, den Refrain "Fat children took my life" auf seinen schmalen Lippen.

Es ist eine von vielen leicht kränkelnden Fantasien, denen man auf dem lange erwarteten Solodebüt des früheren Pulp-Sängers begegnet. Pulp ist zwar noch nicht endgültig Geschichte, wie Cocker dem britischen Magazin Mojo anvertraute. Das letzte Album dieser wunderbaren Band aus Sheffield, die den "Britpop"-Wahn der mittleren 1990er erträglich gemacht hatte, liegt allerdings schon fast sechs Jahre zurück und klang sehr nach Schwanengesang und Rückzug. Ansprüche, auf die der Produzent und Gottseibeiuns des schattseitigen Pathos, Scott Walker, diese Platte hinproduzierte.

Sieht man von einzelnen Songbeiträgen für Soundtracks und Künstler wie Nancy Sinatra sowie dem der Mode des Electro-Clash entsprechenden Projekt Relaxed Muscle ab, wartet die Welt also schon lange auf die Wiederkehr des Mannes, der als einer der letzten britischen Pop-Dandys gilt.

Das heurige Jahr war Pulp-Fans bislang wohlgesonnen. Die Alben His'N'Hers (1995), das alle Blur- und Oasis-Outputs deklassierende Different Class (1996) sowie der vom Pop-Jetset drogistisch verkaterte und leider sträflich unterschätzte Meilenstein This Is Hardcore (1998) wurden in De-Luxe-Editionen neu aufgelegt, und eben ist auch eine John-Peel-Session-Doppel-CD von der Band aus Sheffield erschienen (alle bei Universal). Doch neben dem damit gespendeten Trost nährten diese Alben vor allem das Verlangen nach neuer Musik von Jarvis Cocker und/oder Pulp.

Diesen Hunger stillt der Mann mit den großen Hornbrillen nun nicht nur, Cocker belohnt die Treue und das Warten mit einem wunderbaren Album, das mit einer Mischung aus zart angeekelter Misanthropie, schamlos gefladerten Melodien und über den Dingen stehender Entspanntheit betört, die sich schon auf We Love Life zu erkennen gab - trotz der finalen Aura. Dazu reicht Cocker wohl dosierten Bombast, wie er am deutlichsten im Stück Black Magic zutage tritt.

Hier spielt (oder sampelt?) Cocker das markant-opulente Riff aus Crimson & Clover von Tommy James And The Shondells, und auch der lebenserfahrene Opener Don't Let Him Waste Your Time geizt nicht mit breitspurigen Sounds. Außerdem lässt er durchblicken, dass Cocker Dylans It Ain't Me Babe verinnerlicht hat, auf dessen Melodie er auch in I Will Kill Again zurückgreift. Doch Jarvis klingt weder retro noch altbacken. Pulp-Kollaborateur und Balladenkaiser Richard Hawley sorgt für Momente der Zärtlichkeit. Etwa in My Baby's Coming Back To Me. Einem dieser grandiosen Alltagsbeobachtungs-Songs, für die man Pulp geliebt hat. Sie sind Cockers Stärke. Einen oftmals zynisch gefärbten Voyeurismus in Popsongs zu transformieren und daraus kleine Wahrheiten, Anmaßungen oder Seltsamkeiten zu destillieren: "How come they're called ,Adult Movies' when the only thing they show is making babies filmed up close?" Was soll man sagen? In dieser Disziplin ist der Kauz kaum zu schlagen. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.11.2006)

  • Jarvis Cocker: "Jarvis" (Rough Trade/Edel)
    foto: rough trade/edel

    Jarvis Cocker: "Jarvis" (Rough Trade/Edel)

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