Musikrundschau: Es geht eine Träne auf Reisen

23. November 2006, 18:40
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Neue Alben von Sunn O))) & Boris, John Legend, Laibach - und ein Tribute To Pet Sounds

SUNN O))) & BORIS
Altar
(Southern/Trost)
Fernöstlicher Irrsinn trifft auf US-amerikanischen Dachschaden. Boris, japanische Melvins-Jünger mit Hang zu komplex-nervösem Noise-Metal, vereinen sich hier mit den Slow-Motion-Metallurgen von Sunn O))) zu einer Art Supergroup, die für nicht ganz eine Stunde ein Fenster zur Dunkelheit öffnet und den Blick daraus mit einem einzigartigen Soundtrack versieht: Zäh mäandernde Riffs und Ambient-Erkundungen in die Tiefen des Raums, die mit dem Bedrohungspotenzial eines jederzeit ausbrechen könnenden Vulkans vor sich hin köcheln, schaffen eine beeindruckende Klangwelt, in der ausgesuchte Gäste wie Joe Preston (Earth, Melvins ...) und Jesse Sykes ihre Stimmen erheben dürfen und für rare Schönheit sorgen. Günstigerweise lässt man sich bei vollem Anschlag oder unter den Kopfhörern an diesen Altar führen.

JOHN LEGEND
Once Again
(Sony)
John Legend gilt als das Wunderkind des zeitgenössischen Rhythm'n'Blues, der diesen jedoch nicht modisch, also als abgeschlafften HipHop, sondern klassisch anlegt. Damit konnte der Mann mit den feinen Gesichtszügen, die so gut zu seiner Musik passen, bereits mit seinem Studiodebüt Get Lifted und dem reichlich strapazierten Hit Used To Love You knapp drei Millionen Alben verkaufen. Once Again - der Titel verpflichtet seinen Schöpfer - verfeinert diesen Zugang, der sich über die subtilen Verführer Marvin Gaye, Donny Hathaway und Stevie Wonder definiert. Von Kanye West kongenial produziert, schmiert und schmiegt sich das Album in die Ohren und an die Hüften. Wer Soulmusik nur wegen der Intensität des anhaltenden Schmerzes von unterdrückten Schwarzen interessant findet, ist hier falsch. Wer feine Nuancen bei großer Wirkung schätzt, für den ist Once Again eine Bank.

DO IT AGAIN:
A Tribute To Pet Sounds - Various Artists
(Hoanzl)
Der erste Gedanke ist, oh nein, nicht noch ein Beach-Boys-Tribute-Album. Doch schon die Eröffnungsnummer dieses Samplers, der sich ausschließlich den Songs des 1966 erschienen Popmusikmeilensteins Pet Sounds widmet, überzeugt mit den Oldham Brothers. Dahinter steckt Will Oldham, der hier mit brüderlicher Unterstützung Wouldn't It Be Nice in sehr charakteristischer Weise interpretiert. Für weitere große Momente sorgen in Folge die sträflich unterbewerteten Centro-Matic, der Texaner Micah P. Hinson, die britischen Gitarren-Pop-Götter The Wedding Present, Mazarin und natürlich das einzig legitime Brian-Wilson-Nachfolge-Genie Daniel Johnson, das sich hier God Only Knows aus dem Herzen schneidet. Da geht eine Träne auf Reisen. Schnief!

LAIBACH
Volk
(Mute/EMI)
Laibach interpretieren verschiedenste Nationalhymnen. Und zwar auf die bekannte Art, also mit der charakteristischen Kellerstimme von Milan Fras im Zentrum. Das ist zugleich das Positivste, was sich über Volk sagen lässt. Formal pflegt diese einstige Speerspitze des Industrial-Noise mittlerweile eine inspirationsfreie Routine, wie man sie sonst nur von, sagen wir, Dieter Bohlen kennt. Bloß dass das Publikum hier schwarzes Rauleder trägt. Live am 15. 12. im Wiener Planet Music. (Karl Fluch/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.11.2006)

  • "Once Again"
    foto: sony

    "Once Again"

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