"Ich habe eine große Toleranz": Willi Resetarits als Gast der losen Serie "Blind Date"

23. November 2006, 19:56
8 Postings

Als Kurt Ostbahn ist in Pension, ohne Rentenschock, zur Zeit mit dem kurdischen Sänger Sivan Perwer auf Tour: Resetarits hört und kommentiert für uns Musik

Yusuf Islam: Don't Let Me Be Misunderstood"

Willi Resetarits: Das ist der Yusuf Islam! Erst neulich in meiner Radiosendung (Trost & Rat, jeden Sonntag um 13 Uhr auf Radio Wien, Anm.) haben wir uns an seine große Zeit als Cat Stevens in den 70er-Jahren erinnert. Er war der, der damals die besten Lagerfeuerlieder geschrieben hat - jeder konnte das leicht nachspielen, und trotzdem sind die Lieder so differenziert. Wir sind im Radio in einer Runde gesessen, und jedem sind gleich drei, vier Titel eingefallen, die er früher alle auswendig auf der Gitarre konnte.

Christian Schachinger (der die Musikauswahl ausgesucht hat): Er war 1967 merkwürdigerweise gemeinsam mit dem Schnulzenkönig Engelbert Humperdinck, den Walker Brothers und Jimi Hendrix auf Tournee.

Resetarits: Cat Stevens war ein ganz wichtiger, großer Popsänger. Er war damals absolut führend. Bis er den Hut draufgehaut hat ... Don't Let Me Be Misunderstood war in den 60er-Jahren bei Mittelschülerbands, wie ich auch eine gehabt habe, sehr beliebt. Ich glaube, bekannt wurde der Song über Eric Burdon. Bands der zweiten Kategorie, also quasi die, die nicht das ganz banale Programm spielen wollten, die haben sich dann an solchen Liedern vergriffen. Wie ich jetzt den Yusuf gehört habe, habe ich mich gefreut - aber schon ein bisschen reminiszent: mein Gott, seinerzeit!

Schachinger: Unter dem Gesichtspunkt wird sie sich auch verkaufen.

Resetarits: Ja. Und er hat noch immer eine schöne Stimme und weiß viel über Musik.

Solomon Burke/Emmylou Harris: We're Gonna Hold On

Resetarits: Hauptsächlich fällt mir da der Ostbahn-Texter Günter Brödl ein, weil er uns die letzten Jahre, die er gehabt hat, mit Country gequält hat. Und wenn er ein bisschen was getrunken hatte, hat er ja, wurscht, wo wir waren, die Abspielanlage besetzt und hat uns dann seine neuesten Hadern reingedrückt. Da haben wir ihn dann schon immer etwas geneckt.

Schachinger: Das ist Soulsänger Solomon Burke mit seiner neuen Country-Platte.

Resetarits: Ja. Wahrscheinlich habe ich sie auch schon. Ich muss nur leider sagen, dass ich bei weit mehr als der Hälfte aller CDs, die ich besitze, nicht einmal das Zellophan heruntergerissen habe. Die gute Musik findet mich immer irgendwann von allein.

Jerry Lee Lewis feat. Jimmy Page: Rock And Roll

Resetarits: Dazu fällt mir ein, was genau heißt "One Trick Pony"? Das ist ein Zirkustier, das sein Leben mit einem Trick fristet oder davon leben kann. Wenn du zwei Takte hörst, weißt du ganz genau, diesen Trick habe ich von Jerry Lee Lewis schon oft gehört.

Schachinger: Hier spielt er auf seinem neuen Album mit Jimmy Page von Led Zeppelin deren alten Hadern Rock And Roll.

Resetarits: Die Amerikaner haben sehr wenig Scheu, wenn sie so ein Markenzeichen haben, dass sie das gerne und oft einsetzen. Wobei ich selbst lieber alle fünf Jahre etwas anderes mache. Lieder und Stile sind irgendwann abgespielt. Ich schätze sie dann nicht mehr so wie zu der Zeit, in der sie frisch und neu waren und ich dabei noch einen erhöhten Puls gekriegt habe. Die Amerikaner haben da ein anderes Feeling.

Schachinger: Leute wie Jerry Lee Lewis gelten als Gründerväter, die haben es auch ein bisschen schwerer gehabt. Und sie haben es wahrscheinlich schon nicht verstanden, wie die Beatles oder die Stones gekommen sind, weil ...

Resetarits: ... weil sie gemeint haben, das ist jetzt keine Verbesserung.

The Beautiful Kantine Band: Du Hast Es Dir Verdient, Elfriede

Resetarits: Da muss ich passen.

Schachinger: Das ist eine junge, burgenländische Band im Gewand einer Sixties-Beat-Band. Klingt ein bisschen patschert.

Resetarits: Das macht ja nichts, wenn's am Schluss gut gewesen ist! Ich möchte aber diese Designgeschichten nicht überschätzen. Letzten Endes muss man zufrieden sein, gerührt, aufgeregt. Und alles, was da vorher im Studio eingesetzt worden ist, kann man zwar lange und breit diskutieren, aber im Grund ist es unwichtig.

Schachinger: Aber Sie haben nichts gegen solche Retromusik?

Resetarits: Meine Kinder hat das immer genervt, wenn sie ein Lied gehört haben, und ich habe gesagt: 1966! Das war ihnen Blunzn, da waren sie noch lange nicht auf der Welt. Nein, das macht mir nichts. Ich habe eine sehr große Toleranz für alles, was es gibt. Wobei mir das Bessere lieber ist als das Schlechtere.

Willie Nelson: Hallelujah

Resetarits: Sehr schön. Ist das der Leonard Cohen?

Schachinger: Willie Nelson mit einem Song von Leonard Cohen.

Resetarits: Ja, er ist ein ganz Braver, aber manchmal, wenn er mit seiner kaputten Gitarre soliert, das halte ich nicht aus.

Leonard Cohen/U2: Tower Of Song

Resetarits: Und was ist das?

Schachinger: Leonard Cohen mit U2. War Cohen ein Wegbegleiter Ihrer Jugend?

Resetarits: Nein, der Cohen war später, und der ist überall in den Lokalen gelaufen, und ich habe ihn nicht wollen. Weil, das war so eine Frauenverstehermusik. Und dann sind die Frauen auf ihn gestanden, und dann war ich schon ein bisschen kindisch und habe gesagt, das gefällt mir jetzt extra nicht, weil ihm die Frauen gar so nachrennen. Aber ein paar Lieder haben mir natürlich trotzdem immer gefallen.

The Who: Mike Post Theme

Schachinger: Sie haben im Sommer mit dieser Band auf einem Festival gespielt. Das ist ihr erstes Album seit über 20 Jahren. Gibt es da irgendwelche Backstage-Anekdoten?

Resetarits: Nein. Ich bin ja sozusagen sehr ängstlich, was das betrifft: Kollegen auf den Hammer zu gehen mit meiner Anwesenheit. Aber bei den ersten Akkorden habe ich mir gedacht, die machen ja The Who nach! Ich wollte das dann aber nicht sagen. Die Nummer wirkt, als würden sich ein Folkorientierter und ein wilder Rock 'n' Roller treffen und sagen, machen wir miteinander ein Lied. Aber nicht gleichzeitig, sondern abwechselnd. The Who und ich sind eigentlich schon Anfang der 70er-Jahre nach einem Konzert in London auseinander gegangen. Ich verabschiede mich von allen Bands sehr rasch, von den Rolling Stones schon in den 60er-Jahren, bevor sie ihre großen Hits gehabt haben. The Who habe ich in London gesehen, da ist Tommy herausgekommen. Der Roger Daltrey hat eine Jacke gehabt mit langen Fransen an den Ärmeln, und ich habe mir gedacht, so eine Jacke will ich auch haben - habe ich aber dann nie gehabt. Und dann waren The Who für mich quasi erledigt, weil sie in meinen Augen nichts Neues mehr gemacht haben. Und da habe ich, glaube ich, Recht gehabt.

Tom Waits: Lie To Me

Resetarits: Ist das der Tom Waits?

Schachinger: Ja, aus seinem neuen Album Orphans... Im Gegensatz zu Kollegen seiner Generation wird er im Alter immer noch lauter und wilder.

Resetarits: Ich glaube eher, dass die wirklich guten Künstler im Alter mehr nach Gefühl arbeiten. Da braucht man Selbstvertrauen, dass man insoweit locker lässt, dass man intuitiv und nicht ausgehirnt Musik macht. Vielleicht ist das beim Waits so, dass es ihn da hin treibt. Ich hoffe, dass es so ist und nicht, dass er Marketingstrategen beschäftigt, die ihm das raten.

Schachinger: Bei Tom Waits taucht ja immer wieder die Frage auf, ob seine Kunst aufgesetzte Pose oder authentisch ist.

Resetarits: Na sicher Pose! Es ist nicht wichtig, ob er immer zwischen den Konzerten in der Gosse liegt mit allen Giften, die es gibt. Er darf einen Fitnesskeller haben und alkoholfrei leben, wenn die Lieder in sich stimmen und eben ehrlich angetäuscht werden. Ich habe auch immer gelitten, wenn der Günter Brödl Ostbahntexte geschrieben hat mit irgendwas drinnen, was ich nicht nachvollziehen konnte. In einem Lied habe ich einmal gesungen, dass ich gerade von einer dreitägigen Sauftour heimkomme. Mein Rekord bis dahin lag aber nur bei zwei Tagen. Da musste ich das dann einmal tatsächlich ausprobieren, damit ich nachträglich auch wirklich die Wahrheit gesungen habe.

Beirut: Postcards From Italy

Resetarits: Das ist sehr schöne Musik!

Schachinger: Ein 19-jähriger Amerikaner, der sich in Arizona die Musik des Ostens erträumt, die er nur aus Emir Kusturicas Film Underground kennt.

Resetarits: Das waren die ersten Lieder, die ich als junges Kind gekannt habe - ich habe seit Jahrzehnten das Gefühl, ich sollte etwas damit machen. Ich verwende jetzt Lieder aus meiner burgenländischen Heimat Stinatz, die vor 500 Jahren die zugewanderten Kroaten mitgebracht haben. Eigentlich muss man die a capella singen. Ich komme also mit einer Melodie daher und schaue, ob den kurdischen Musikern, mit denen ich gerade auf Tournee bin, dazu etwas einfällt. Ich habe natürlich auch mitgemacht bei dem Hype um die Blechblaskapellen vom Balkan vor einigen Jahren. Oder beziehungsweise mich auch engagiert, etwas kuratiert, wenn ich etwas sagen habe dürfen fürs Integrationshaus. Das hat mir schon gut gefallen. Das habe ich so in der Weise nicht gekannt gehabt und habe es auch irgendwann erst kennen gelernt vor, vielleicht zehn Jahren. Das war damals ein neuer Klang, sehr faszinierend. Da entwickelt sich aber nichts, womit man Jahrzehnte leben könnte. Den Musikern wird's wurscht sein, die haben halt irgendwann ein paar Europatourneen gemacht, und dann spielen sie wieder daheim oder beim Blasmusiktreffen irgendwo.

Schachinger: Das Problem der Weltmusik scheint aufgreund ihres exotischen Reizes ja vor allem ihre Trendabhängigkeit zu sein. In den 80er-Jahren war Afrika in, dann Kuba... Man weiß nicht, was als Nächstes kommt.

Resetarits: Kurdische Musik! Nach unserer Tournee! Die ist schwer zu verstehen, da braucht man eine Weile, bis man durchsteigt. Da ist alles auf einer Unzahl von Skalen aufgebaut, und die Skalen haben alle eine Bedeutung. Dafür haben wir aber harmonisch große Aufbauten. Das Konzept, das wir haben, ist, dass man spielend aufeinander zugeht. Ich glaube, wir sind uns da auf jeden Fall einig: Musik darf alles und kümmert sich nicht um Grenzen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.11.2006)

  • Willi Resetarits, zur Zeit auf Tour mit dem großartigen kurdischen Musiker Sivan Perwer (re.). Nähere Informationen unter  williresetarits.at
    foto: michael morawec

    Willi Resetarits, zur Zeit auf Tour mit dem großartigen kurdischen Musiker Sivan Perwer (re.). Nähere Informationen unter williresetarits.at

Share if you care.