Luftschiff ahoi

16. März 2007, 12:27
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Zur Navigation von Zeppelinen wird man eine Uhr heute kaum mehr brauchen: A. Lange & Söhne belebt die Tradition wissenschaftlicher Beobachtungsuhren trotzdem neu

In der Welt des Luxus ist Tradition ein kaum zu überschätzendes Gut. Erfahrung und Beständigkeit suggeriert sie, Zuverlässigkeit und Raffinement. Unternehmen ohne langjährige Tradition bleibt oft nichts anderes, als sie zu erfinden. Andere haben es da einfacher: Sie graben sie aus.

Die Uhrenmanufaktur A. Lange & Söhne aus dem sächsischen Glashütte ist ein solches Beispiel. Wiedergegründet nach der Wende, schlägt der Luxusuhrenhersteller eine Brücke in eine Vergangenheit, in der Glashütte für luxuriöse Präzisionsuhren stand - und die 1845 von Ferdinand Adolph Lange gegründete Manufaktur war ihr prominentester Protagonist.

Die Ganggenauigkeit war es vor allem, für die die Uhren aus Sachsen begehrt waren - auch in der Wissenschaft: So waren bei der ersten deutschen Südpol-Expedition die Lange-Uhren mit dabei. Eine andere Geschichte, auf die das Unternehmen nicht minder stolz ist, ist jene rund um die "Große Beobachtungsuhr": eine Präzisionsuhr mit einem Werkdurchmesser von 57 Millimeter, von der zwischen 1917 und 1937 nur 15 Exemplare gefertigt wurden. Sie gingen an Adressen wie die Gesellschaft für Zeitmesskunde in Berlin oder an die Zeppelin-Werft in Friedrichshafen.

Auf letztere Zusammenarbeit ist man besonders stolz. Wie die Zeppelins stehen auch die Langes für ein Stück deutscher Geschichte, diese wie jene hatten mit den Verwerfungen der Geschichte ihre Not. Zur Zeit der DDR fand der Bau der Luxusuhren ein abruptes Ende, das Aus für die Zeppeline war dagegen schon früher mit der Katastrophe der "Hindenburg" (1937) gekommen.

Es seien die besten

Erst 60 Jahre später nahm die Zeppelin NT die Tradition der Luftschifffahrt wieder auf, allerdings in einem recht kleinen Maßstab zu touristischen Zwecken. "A. Lange & Söhne" hatte bereits drei Jahre früher, im Dezember 1994, die ersten Uhren der neuen Ära des Unternehmens vorgestellt. Die Lange 1, Arkade, Saxonia und der Tourbillon "Pour le Mérite" gehören seitdem zu den besten Uhren, die derzeit in Deutschland gefertigt werden (manch einer behauptet, es seien die besten). Jetzt kam eine weitere dazu: die "Richard Lange", benannt nach dem ältesten Sohn des Firmengründers, eine elegante, ganz auf die Funktion der Zeitmessung konzentrierte Dreizeigeruhr mit Zentralsekunde in der traditionell größeren Form. Mit ihr möchte das Unternehmen an die Tradition der wissenschaftlichen Taschen-Beobachtungsuhren anknüpfen - und schickte zur Markteinführung einen - genau - Zeppelin auf die Reise nach und über Dresden.

Die publicityträchtige Renaissance zweier großer Marken also in einer Stadt, die den Wiederaufbau und die Anknüpfung an Traditionen geradezu symbolisiert. Da macht es auch nichts, dass "A. Lange & Söhne" schon länger in der Hand des Richemont-Konzerns ist. Die Uhren werden nach wie vor im beschaulichen Glashütte vor den Toren von Dresden gefertigt.

Eine Tradition, die nicht so einfach wiederbelebbar war. Nach den langen DDR-Jahren musste neben der Infrastruktur auch das Wissen rund um hochwertige Uhrenherstellung importiert werden. Walter Lange, der Urenkel des Firmengründers bekam dabei Schützenhilfe von Günter Blümlein von IWC. Und natürlich von der reichen Tradition des Unternehmens. (Stephan Hilpold/Der Standard/Rondo/24/11/2006)

Sehr spannend nachzulesen sind die Wirrungen der Firmengeschichte in Walter Langes Memoirenband "Als die Zeit nach Hause kam" im Econ-Verlag
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