Bademeister mit Haarnetz

23. November 2006, 00:24
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US-Musiker Mike Patton, eine der umtriebigsten Figuren des zeitgenössischen Pop, gastierte mit seinem aktuellen, sehr ambitionierten Projekt Peeping Tom in Wien

Wien - Man kann sich auch überheben. Mike Patton, einst Frontmann der erfolgreichen US-Band Faith No More und heute Betreiber des Ipecac-Labels, auf dem er zum Teil exzellente Nischenprodukte präsentiert, veröffentlichte heuer unter dem Projektnamen Peeping Tom ein Album, auf dem er Pop-Prominenz zu Kooperationen lud.

Die britischen Düster-Groover Massive Attack waren im Boot, der Produzent Dan The Automator (Gorillaz) ja sogar das singende Candle-Light-Dinner Norah Jones rang sich beim Song Sucker ein paar schlimme Wörter ab. Herausgekommen ist trotzdem - oder deshalb? - nicht viel mehr als ein durchschnittliches und trotz einiger inspirierter Wahnsinnsschübe eher altbacken wirkendes TripHop-Album (Ö-Vertrieb: Trost).

Aktuell tourt das Projekt Peeping Tom durch die Welt und machte am Dienstag in der Wiener Arena Halt. Die großen Namen waren vorhersehbar nicht mit dabei und das Album wurde live Richtung HipHop-Party ausgelegt.

Patton, zu Beginn als rappender Kid Creole im weißen Anzug samt Humphrey-Bogart-Hut, gab den besessenen Publikumsanimateur und eine volle Arena hob brav die Arme wie geordert, ließ sich die Stinkefinger vom Zeremonienmeister choreografieren und folgte dem Aufruf, doch bitte ordentliche Grinser aufzusetzen. Das hier mache immerhin Spaaaß. Aja.

Leider nahm einem dieses Musikkabarett die Freude an einer eigentlich sehr starken Version von Caipirinha. Einem Stück, das nach verwegener 1950er-Las-Vegas-Showrevue klang und ohne Kasperliade ein früher Höhepunkt hätte sein können. Qualitativ relevant wurde die Show ab einem Zwischenspiel des Rappers Rahzel von der HipHop-Band The Roots, der eine kleine A-cappella-Show abzog, in der er unter anderem den White-Stripes-Hit Seven Nation Army irgendwo zwischen Zwerchfell, Rachen und Zahnlücke als Human Beatbox hervorpumpte.

Nach dieser vorgezogenen Mitternachtseinlage stockte Patton die Band um das bereits im Vorprogramm aufgetretene Dub Trio auf acht Personen auf, was neben einem Quantitäts- auch einen Qualitätsschub bedeutete. Patton ließ Sängerin Imani Coppola öfter den Vortritt, die neben ihrer zwischen Soul und Pop wandelnden Stimme auch an einer Geige sägte. Der Chef selbst, mittlerweile mit Haarnetz wie ein kubanischer Bademeister nach Dienstschluss angetan, stob durch Songs wie Mojo, Your Neighborhood Spaceman oder erwähntes Sucker. Abgang, der Saal tobte und es sollte schließlich tatsächlich noch richtig gut werden.

Patton, der sich schon bei seiner Arbeit mit der Experimental-Metal-Band Fantomas als begnadeter Soulsänger zu erkennen gab, legte zu Beginn der Zugaben den Klassiker Across 110th Street nach, ohne dass sich dessen Schöpfer, Bobby Womack, deshalb hätte schämen müssen.

Irgendwie kriegt Patton also auch dieses Mal die Kurve. So zerrissen sich viele seiner Projekte auch ausnehmen, wenn der Mann tatsächlich warm gespielt ist und seine Obsession beginnt, vor und auf der Bühne Glückshormone freizusetzen, triumphiert er letztlich immer. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.11.2006)

  • Imani Coppola mit Peeping Tom in der Wiener Arena. Unterm Haarnetz dahinter ihr Chef, Mike Patton, der sich gerade eine kleine Verschnaufpause gönnt.
    foto: standard/fischer

    Imani Coppola mit Peeping Tom in der Wiener Arena. Unterm Haarnetz dahinter ihr Chef, Mike Patton, der sich gerade eine kleine Verschnaufpause gönnt.

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