"Verbieten ist keine Lösung"

30. März 2007, 11:28
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Nach Amoklauf in Emsdetten ist Diskussion über Killerspiele voll entbrannt - Statt Verbot fordern Experten die Auseinandersetzung mit der Lebens- und Spielwelt der Kinder

Der Amoklauf eines 18-Jährigen an einer Realschule im deutschen Emsdetten hat erneut eine Debatte um das Verbot gewaltverherrlichender Computerspiele ausgelöst. Der Jugendliche, der 37 Menschen verletzte und sich dann selbst richtete, soll ein Anhänger des Computerspiels "Counter-Strike" gewesen sein, ein so genannter Ego-Shooter. Als Anführer einer "Antiterroreinheit" muss der Spieler dabei die Gegner ("Terroristen") "eliminieren".

Während etwa Politiker wie der deutsche CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber jetzt vehement ein Verbot von "Killerspielen" fordern, warnen andere vor einer verengten Sicht auf das Problem. "Ein Verbot derartiger Spiele würde mehr den Effekt einer Einkaufsliste haben, als dass es abschreckt. Obendrein würde es zu einer Kriminalisierung alle jener führen, die dennoch spielen", meint dazu Konstantin Mitgutsch, Wissenschafter am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien.

Sündenbock

Es sei eben in Fällen wie Emdsdetten einfacher, den "Sündenbock" in einem Computerspiel zu suchen, als sich mit dem generellen Thema "Gewalt in der Gesellschaft und in der Familie" auseinanderzusetzen, gibt er zu bedenken.

Was Computerspiele anbelangt, steht für den Pädagogen fest: "Das Aggressionspotenzial bei Kindern und Jugendlichen kommt nicht von den PC- und Computerspielen, sondern ist schon vorher vorhanden." Im Fall des Emsdettener Schülers sehe es danach aus, dass dieser sozial isoliert war, vermutlich nur wenig Rückhalt in der Familie gehabt und unter seinem schulischen Versagen gelitten habe.

"Es gibt noch keine wirklich stichhaltigen wissenschaftlichen Studien darüber, wie Computerspiele – ob mit oder ohne Gewalt – sich auf Kinder auswirken", gibt Mitgutsch zu Bedenken. In Seminaren am Institut für Bildungswissenschaften versuchen Studenten seit einiger Zeit dieser Frage nachzugehen. Eine der Grundfragen dabei ist, "Warum spielen Kinder überhaupt diese Spiele und insbesondere Ego-Shooter?"

"Spiele erlauben Fehler"

Unter anderem wohl deshalb, weil Kinder in dieser Spielsituation das Gefühl verspürten, Kontrolle über etwas zu haben. Aber auch, weil sie dabei – im Gegensatz zu vielen anderen Lebenserfahrungen – ohne Konsequenzen verlieren, Fehler machen und "versagen" dürfen. Kurz die Reset-Taste getippt, und es eröffnet sich dem spielenden Jugendlichen eine neue Chance.

Die Spiele forderten den Kindern und Jugendlichen auch eine hohe Konzentration und Fingerfertigkeit ab, auf die Erwachsene eigentlich neidisch sein müssten.

Mitgutsch sieht in der Diskussion mehrere Gruppen gefordert: zum einen die Eltern, die sich für die Computerspiele ihrer Kinder interessieren und mit ihnen darüber sprechen sollten. Politiker wiederum sollten dieser Spielkultur gegenüber mehr Offenheit zeigen und statt Verbote auszusprechen zum Beispiel über Steuervergünstigungen für kreative PC- und Konsolenspiele nachdenken.

"Sehr innovativ ist diese Branche nicht"

Gefordert sei auch die Computerspielindustrie, die sich einmal fragen sollte, warum bei spannenden Spielen immer sämtliche "Gewaltklischees" bedient werden müssten. "Sehr innovativ ist diese Branche nicht", beklagt Mitgutsch.

"Die Diskussion könnte doch ein guter Anlass sein, dass wir alle beginnen, uns mit der Lebenswelt heutiger Jugendlicher auseinanderzusetzen", regt Mitgutsch an. (Karin Tzschentke, DER STANDARD, Printausgabe, 23. November 2006)

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