Leeres Beziehungskonstrukt

6. Juli 2000, 20:57

Frédéric Fonteynes "Eine pornografische Beziehung" im Kino

Wien - Die Frau denkt kurz nach. Sie sitzt in ihrem geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmer, und dann sagt sie: "Es war eine pornografische Beziehung."

Der Satz wiegt schwer. Frédéric Fonteyne hat ihn relativ an den Beginn seines Films gestellt. Die Frau (Na-thalie Baye) spricht ihn gegenüber einem Interviewer aus, der im Off bleibt. Der Satz soll das intime Verhältnis beschreiben, das die Frau eine Zeit lang zu einem Mann (Sergi Lopez) unterhielt, den sie über eine einschlägige Annonce kennen gelernt hatte.

Eine pornografische Beziehung ist ein Zweipersonen-stück. Eine Art Sprechstück obendrein. Die Umwelt verschwimmt hinter den Protagonisten und ihrer Rede. Auch der Mann wird befragt. Und dazwischen zeigen Rückblenden in chronologischer Abfolge, was sich damals ereignete: Die beiden treffen sich in einem Café. Sie unterhalten sich ein bisschen. Dann gehen sie in ein Hotel. Das ist beim ersten Mal so und auch alle weiteren Male, mit kleinen Variationen. Die Kamera folgt ihnen durch plüschig-rote, halbdunkle Flure. Die Zimmertür geht hinter ihnen zu.

Die Kamera muss draußen bleiben. Erst ab dem Moment, wo die beiden von ihrem eigentlichen Szenario abweichen und beginnen "Liebe zu machen", darf man ihnen bis ins Zimmer folgen. Dann gibt es viele zerknitterte weiße Laken und ein bisschen nackte Haut zu sehen.

Der Film kreist nämlich um eine markante Leerstelle: Das, worum sich alles dreht, die "sexuelle Fantasie", die die beiden Namenlosen teilen, wird nie direkt benannt. Das ist ein angestrengter Kunstgriff, der behauptet, das Wesen dieses Beziehungskonstrukts ließe sich über die Andeutung von Sexualität fassen. Und es sich damit ein wenig leicht macht. Oder unnötig schwer, denn die bemühte Konstruktion erscheint mit dem Fortgang des Films zunehmend verzichtbar.

In den Einzelbefragungen der beiden treten Widersprüche auf. Auch hier wird vordergründig mit Publikums-erwartungen gespielt, weil sich nichts aus dieser Inkongruenz ergibt, aber alles so kunstvoll in Szene gesetzt ist, als wäre es bedeutsam.

Die Beziehung festigt sich jedenfalls. Irgendwann ist von Liebe die Rede. Was jetzt? Die nächste Lebensweisheit - wer einander körperlich so nahe kommt, der kommt auch emotional auf Dauer nicht aneinander vorbei?

Nathalie Baye, zweifellos eine bemerkenswerte Schauspielerin, wurde vergangenen September bei den Filmfestspielen in Venedig für Eine pornografische Beziehung mit dem Darstellerinnenpreis ausgezeichnet. Dabei hatte es gerade dort im Wettbewerb andere Filme gegeben, die sich vergleichbarer Experimente wesentlich mutiger und weniger romantisch-melancholisch verbrämt annehmen.

Jetzt im Kino (Isabella Reicher)

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