Birmingham killt Linux-Großprojekt

17. Jänner 2007, 14:03
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Entscheidung für Windows-XP-Upgrade erntet heftige Kritik

Die Stadtverwaltung von Birmingham hat das Aus für ihr geplantes Linux-Großprojekt bekanntgegeben. Der mit einer halben Mio. Pfund (rund 741.000 Euro) veranschlagte Pilotversuch wurde nach der Installation von 200 PCs wieder abgeblasen. Als Begründung gaben die Verantwortlichen an, dass das Upgrade der besagten Desktops auf Windows XP 100.000 Pfund billiger gekommen wäre. Der Plan der Stadtverwaltung hatte ursprünglich vorgesehen, rund 1.500 Desktop-PCs in den Büchereien der britischen Stadt auf Open Source umzustellen.

Kritik

Bei Vertretern der Open-Source-Szene hat die Entscheidung naturgemäß Kritik ausgelöst. "Wenn so ein Projekt richtig gemacht wird, ist es nicht möglich, dass ein XP-Upgrade billiger als ein Linux-Umstieg kommt", kritisiert Mark Taylor, Präsident des Open Source Consortium , gegenüber dem britischen Nachrichtenportal Zdnet UK. "Es ist unglaublich, dass jemand derart viel Geld für das Management eines Linux-Projektes ausgeben kann", so Taylor, dessen Konsortium am Planungsbeginn konsultiert worden war. Bemängelt wird auch, dass die Stadtverwaltung bei der Umsetzung des Projekts zu wenige lokale Experten eingesetzt habe, was die Kosten nach Ansicht von Branchenkennern ebenfalls verringern hätte können.

"Ein Umstieg auf ein anderes System stellt immer eine kostenintensive Angelegenheit dar

Die Entscheidung gegen Linux und für Microsoft in einer größeren Stadtverwaltung hat erneut die Frage nach der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit und Durchführbarkeit von Open-Source-Lösungen in der öffentlichen Verwaltung aufgeworfen. Laut Peter Pfläging, IKT-Architekt der Open-Source-Vorzeigestadt Wien, gibt es für das Scheitern derartiger Projekte die unterschiedlichsten Gründe: "Ein Umstieg auf ein anderes System stellt immer eine kostenintensive Angelegenheit dar. Das Einsparungspotenzial von Software-Lizenzkosten, die bei einer Open-Source-Implementierung wegfallen, ist oftmals zu gering, um etwaige Mehrausgaben für Hardware, Umschulungen und veränderte Wartungsbedingungen aufzuwiegen." Daneben sei ein Umstieg natürlich auch mit psychologischen Hürden im Bereich der Mitarbeiter verbunden, so der IKT-Experte gegenüber pressetext.

Stadt Wien

Pfläging zufolge lassen sich die tatsächlichen Kosten für eine Systemadaption allerdings nur schwer gegeneinander aufrechnen. So ziehe ein Umstieg auf ein neues Windows-Betriebssystem ebenfalls eine Reihe von Mehrausgaben und Nachschulungsnotwendigkeiten nach sich. Werden die verschiedenen Systeme - wie bei der Stadt Wien - von der vorhandenen IT-Architektur erst einmal unterstützt, können die gesparten Lizenzgebühren aber spürbar ins Gewicht fallen.

Vorteil Open-Source

Als weitere Vorteile führt Pfläging an, dass durch Open-Source-Lösungen eher die lokale Wirtschaftskette sowie die Entwicklung von Open Standards unterstützt werde. Im Wartungs-Bereich sei man zudem weit weniger stark an vorgegebene Support-Zyklen gebunden. Von einem forcierten Umstieg hält Pfläging allerdings wenig: "Wir verfolgen bei dem Thema einen pragmatischen Weg. Religiöser Eifer ist sicherlich nicht angebracht". (pte)

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