US-Geheimdienste arbeiten mit eigenem Online-Nachschlagewerk

28. November 2006, 10:36
2 Postings

Intellipedia beruht auf Konzept der Internet-Enzyklopädie Wikipedia

Natürlich gehen wir mit Intellipedia ein Risiko ein, sagt Michael Wertheimer, der bei den US-Geheimdiensten für die Technik verantwortlich ist. Natürlich könne ein Agent einen Bericht in das Online-Nachschlagewerk einspeisen, "in dem es zehntausende Nutzer gibt, die ihn wirklich nicht zu sehen brauchen" - und in dem es auch Nutzer geben könnte, die den Text heimlich an die Öffentlichkeit bringen. Aber: "Es ist eine neue Denkweise", sagt Wertheimer. Und zwar die, dass die Mitarbeiter aller möglichen Nachrichtendienste in den USA ihre Informationen austauschen können - und eine bestimmte Lage dadurch vielleicht besser einschätzen werden.

Erfolgreiche Idee kopieren

Die Idee geht auf das Online-Nachschlagewerk Wikipedia zurück, das binnen weniger Jahre so erfolgreich wurde, dass es aus dem Internet gar nicht mehr wegzudenken ist. Wikipedia war noch nicht einmal fünf Jahre alt, als die Geheimdienstgemeinde in den Vereinigten Staaten (die "Intelligence Services") das System kopierte und im April mit ihrer eigenen Enzyklopedie an den Start ging - Intellipedia. Anfangs habe es "großen Widerstand" gegeben, sagt Wertheimer, der für die Leitung der US-Nachrichtendienste (DNI) arbeitet. Viele hätten gesagt, "das nehme ich nie her, das ist Zeitverschwendung". Mittlerweile gibt es laut DNI rund 3600 Nutzer und über 28.000 Seiten Inhalt.

Zugangskontrolle

"Dieses Werkzeug macht es uns möglich, verschiedene Sichtweisen zu bekommen, ohne alles auf eineinhalb Seiten zusammenzurühren und einen übereinstimmenden Blick zu haben, der nicht die Ansichten aller Organisationen wiedergibt", sagt Don Burke vom US-Geheimdienst CIA. Anders als bei Wikipedia sind die Einträge nicht anonym, sondern vom Verfasser gekennzeichnet, und Zugang hat nur, wer sich entsprechend ausweisen kann.

Neuorganisation

Der US-Kongress hatte nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 beschlossen, dass die Geheimdienste in den USA neu organisiert werden müssten, weil sie entscheidende Informationen vor den Anschlägen nicht untereinander ausgetauscht hatten. Dem früheren CIA-Chef George Tenet und einem Teil seiner Kollegen wurde vorgeworfen, sie hätten voneinander abweichende Erkenntnisse heruntergespielt und zudem verdrehte Berichte präsentiert - indem sie unter anderem behaupteten, der damalige irakische Machthaber Saddam Hussein habe Massenvernichtungswaffen gehabt, von denen später aber nie eine gefunden wurde.

Erstaunlich schnell

Dafür, dass Behörden üblicherweise eher langsam in die Gänge kommen, sei es für die Geheimdienstgemeinde geradezu in Blitzgeschwindigkeit geschehen, dass sie Wikipedia für ihre Zwecke nachgebildet habe, sagt James Lewis von der US-Denkfabrik CSIS (Center für Strategic and International Studies). Obwohl es gut sei, dass die Informationen jetzt zusammenfließen, müsse noch viel verbessert werden: "Es ist ein guter Schritt, aber es braucht noch mehr."(APA/Dan De Luce/AFP)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.