Freie Fahrt für Terroristen?

6. Juli 2000, 19:18

"Kampfplatz Straße": Nicht zur Tagesordnung übergehen

Nur als Gedankenexperiment: Was würde wohl passieren, wenn irgendeine Terrorgruppe Tag für Tag in Österreich Tote, Verletzte und Sachschäden in Millionenhöhe verursacht? - Der Rechtsstaat wäre schnell aus den Angeln gehoben, Bürgerrechte würden dem Kampf gegen die Terroristen geopfert werden, das Land mutierte zum Polizeistaat. Hysterie und Panik würden das Volk erfassen, sämtliche Politiker mit der Forderung nach "hartem Durchgreifen" bzw. "noch härterem Durchgreifen" einander überbieten. An die Medien wollen wir lieber gar nicht denken.

So ein Glück

Die Terrorgruppe gibt es, die Toten, Verletzten und Milliardenschäden auch. Nur - die Reaktionen halten sich in Grenzen. Es herrscht viel Gelassenheit, Verständnis und Großzügigkeit. Warum? Die Gruppe ist zu groß, zu stark in der Bevölkerung verankert, fast jede(r) ist ab und zu Mitglied der "Bewegung" und ihre Bewaffnung ist des modernen Menschen liebstes Kind, das Auto. Es sind die Raser.

Sie jagen mit 70 Sachen durch ausgewiesene Wohngebiete, fahren mitten in Ortschaften Kinder tot, machen nächtliche Fahrten über Land zum russischen Roulette. Sie pfeifen auf Sicherheitsabstände - egal ob bei Nebel oder Platzregen - und attackieren auch noch mit Hupe und Aufblendlicht die wenigen Fahrer, die sich an Tempolimits halten.

Ja, es wird kontrolliert und gestraft. Unterm Strich muss trotzdem negativ bilanziert werden. Die Maßnahmen reichen nicht aus. Man lässt sie weiterrasen.

Die Terrorgruppe hat aber auch ihre Schreibtischtäter. Die Geschwindigkeitsdesigner der einschlägigen Industrie etwa. Oder jene, die abhängige LKW- oder Busfahrer bis über die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit hinaus auf die Straßen schicken.

Zehntausende "brave" Österreicher mutieren, kaum dass sie sich hinters Steuer geklemmt haben, innerhalb weniger Minuten zu primitiven Gewalttätern.

Ein ÖAMTC-Vertreter meinte in der STANDARD-Serie zum "Kampfplatz Straße", die Gruppe der "unverbesserlichen Fahrer" betrage "rund drei Prozent", und denen sei ein Punkteführerschein "genauso egal wie Tempolimit oder Promillegrenzen". Gegen drei Prozent Straßenterroristen kann man halt nichts machen. So ein Pech! Wie vielen Autos sind sie heute begegnet? Erst 97? So ein Glück!

Die drei Prozent sind natürlich nur die Spitze des Eisbergs. Wer da eine "Moral des Autofahrens" einfordert, handelt sich rasch den Ruf des Sonderlings ein. Es fehlt einfach jegliches Unrechtsbewusstsein: bei der besoffenen Jagd durch nächtliche Dörfer ebenso wie bei der Hetze ganz wichtiger Herren zu ganz wichtigen Terminen.

Moral entwickelt sich entlang von gesellschaftlichen Normen, Werthaltungen und Gesetzen, die freilich auch exekutiert werden müssen. Da helfen keine Ausreden. Die Politik ist nicht alleine verantwortlich für eine gesellschaftliche Werthaltung, aber ganz wesentlich mitverantwortlich.

Dass es in Österreich immer noch keinen Punkteführerschein gibt, dass vorgestrige Lobbyisten mit Argumenten wie "drei Prozent" oder "Autofahrer verkrampfen sich" immer wieder durchkommen, ist nur ein Beispiel für eine lange Reihe fahrlässiger Versäumisse. Das blutige Pfingstgemetzel auf Österreichs Straßen hat eine überfällige Diskussion entfacht. Sie darf jetzt nicht wieder einschlafen.

Heinrich Breidenbach ist Psychologe und freier Journalist in Salzburg.

Gesetzt den Fall, irgendeine andere Gruppe verursachte Tag für Tag so viele Tote und Verletzte wie die Autoraser . . . - Ein PS zur Standard-Serie über Verkehrsopfer. Von Heinrich Breidenbach.
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