Dem Konflikt einen Schritt voraus sein

28. November 2006, 19:15
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Der Wiener Forscher Robert Trappl zeigt in seinem Buch "Programming for Peace", was computerunterstützte Analysen leisten können

Ob ein Konflikt sich zur bewaffneten Auseinandersetzung ausweitet oder nicht, lässt sich dank computerunterstützter Analysen mit überraschender Wahrscheinlichkeit vorhersagen. Was diese leisten, zeigt das neue Buch des Wiener Forschers Robert Trappl.


Im Frühsommer 1991 rückte der Krieg nahe an Österreich heran. Nachdem es aber bei zerschossenen Grenzhütten blieb und sich das Kampfgeschehen rasch in die Gebiete Kroatiens und Bosnien-Herzegowinas verlagerte, wurde die reale Furcht bald durch strategische Reflexionen ersetzt. Oft fiel dabei der Name Vietnam. Nach Ansicht vieler konnte am Balkan nur ein solches drohen; das schwierige Gelände mit seinen Gebirgszügen und Tälern würde jeden US- oder internationalen Truppeneinsatz in ein Desaster verwandeln. Was plausibel klang. Und so auch nach einiger Zeit zur offiziellen politischen Doktrin wurde, der sich EU wie USA verpflichtet fühlten.

Robert Trappl war damals skeptisch. Die Strategie der Nicht-Einmischung überzeugte ihn nicht. Schon einige Jahre zuvor hatte der Leiter des Österreichischen Forschungsinstituts für Artificial Intelligence (AI) und Professor für Medizinische Kybernetik und Artificial Intelligence an der Wiener Medizinischen Universität nämlich damit begonnen, mithilfe von Artificial Intelligence bewaffnete Konflikte zu analysieren. Um zur Eindämmung, Beendigung oder Verhinderung beitragen zu können.

Mit Kollegen hatte er etwa das "case-based reasoning", also das fallbasierte Schließen angewandt, bei dem auf Basis von Datenbanken und mithilfe von Datamining und Mustererkennungen aus der Artificial-Intelligence-Forschung untersucht wird, ob ein aktueller neuer Konflikt einem anderen alten, vielleicht schon abgeschlossenen ähnlich ist. Auf dass herausgearbeitet werden kann, wie sich angesichts des Vergleichsbeispiels die aktuelle Krise wahrscheinlich weiterentwickeln wird. Oder welche Maßnahmen zu ihrer Deeskalation führen könnten.

Vor dem Hintergrund des "case-based reasoning" erschien Nicht-Einmischungs-Politik am Balkan völlig verkehrt. Denn wie sich Trappl erinnert, "hatte die Analyse mehrerer hundert Vergleichsfälle ergeben, dass auf einer Rangskala ähnlicher Konflikte das Münchner Abkommen vom September 1938 die Position eins einnahm, während Vietnam ganz weit hinten lag".

Die Gefahr, dass ein mit Genozid verbundener Vernichtungskrieg drohte, war mithin größer als die, sich in einem aufreibenden Guerilla-Krieg zu verstricken. Was nichts anderes heißt, als dass vom Standpunkt der damaligen Artificial-Intelligence-Forschung aus eine Einmischung wünschenswert und bewältigbar gewesen wäre. Eine Position, die von der Geschichte wenigstens dahingehend bestätigt wurde, als dass es tatsächlich zu einem Vernichtungskrieg kam, bei dem 150.000 Menschen ihr Leben ließen.

Erst der Anfang

Dass solche Vorhersagen von Konflikt-Entwicklungen möglich sind, überrascht. Dabei war das, was im Zuge des Balkankriegs geleistet wurde, nur ein Anfang. Mittlerweile kann die computergestützte Konfliktanalyse noch viel mehr, wie das von Trappl eben herausgegebene Buch Programming for Peace deutlich macht. In ihm präsentieren AI-Forscher aus aller Welt ihre Analyse-Methoden, die zum Teil spektakulär erscheinen. Etwa die von Philip A. Schrodt, Politikwissenschafter an der Uni Kansas, der Artifical-Intelligence-Textanalyse für die Bearbeitung von Zeitungsartikeln nutzt.

Als Spezialist für den Nahen Osten hatte Schrodt die Idee gehabt, die in der Region erfolgende Medienberichterstattung auf die in ihr benutzte Begrifflichkeit hin zu untersuchen. Konkret wird auf der Basis so genannter Markov- Prozesse überprüft, welche Worte benutzt und welche Wortfolgen produziert werden und in welchen Kontexten diese Wortkombinationen vorkommen. Dabei zeigt sich, dass sich das Wortgefüge je nach dem verändert, wie die politische Lage aussieht. Allerdings erfolgt die Veränderung eben nach einem Muster (das durch die Nutzung besagter Markov-Prozesse entdeckt werden kann), so dass bei genauer, AI-basierter Analyse an der Diktion der Zeitungsartikel etwa eine drohende Konflikteskalation schon zu einem Zeitpunkt abgesehen werden kann, in dem sie, so Trappl, "für sonst noch niemanden erkennbar ist". Was prinzipiell ein frühzeitiges Gegensteuern möglich macht und damit der Krisenprävention ein mächtiges Werkzeug in die Hand gibt. Ein sehr mächtiges, ist es laut Trappl doch "überraschend, mit welch erstaunlicher Wahrscheinlichkeit Schrodt Eskalationen vorhersagt", weshalb dessen Ansatz für ihn auch einer der im Moment interessantesten und attraktivsten ist.

Untypischer Vertreter

Wie in Programming for Peace auch ersichtlich wird, ist Schrodt mit seiner Textanalyse ein eher untypischer Vertreter der mit AI arbeitenden Konfliktanalytiker. Die meisten Ansätze seiner Kollegen basieren wie das erwähnte fallbasierte Schließen auf der Nutzung und Auswertung von Datenbanken, denen damit auch eine Schlüsselfunktion beim "Programmieren für den Frieden" zukommt. Und die auch zur Entwicklung von Entscheidungsbäumen herangezogen werden können.

Über solche zu verfügen ist etwa dann interessant, wenn es darum geht, für eine Konfliktbeilegung den richtigen Verhandler zu finden. Bei dieser Suche stellen sich nämlich Fragen wie: "Ist es im Rahmen eines regionalen Konflikts sinnvoll, mit einem lokalen Verhandler zu arbeiten oder soll es ein internationaler sein? Und wenn es ein internationaler ist: Soll er einer nationalen oder einer internationalen Organisation angehören?". Und die lassen sich mit einem Entscheidungsbaum, der auf der Analyse tausender Vergleichsfälle beruht, zutreffender beantworten als mit wenig Erfahrungen.

Laut Trappl, der sich mit dieser Art des "maschinellen Lernens", wie er es nennt, intensiv auseinandersetzt, lässt sich auch bezüglich der Verhandler-Wahl eine klare Tendenz beobachten: Je höher der Rang eines Vermittlers ist und je gewichtiger die Rolle ist, die er international bekleidet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für einen Vermittlungserfolg. Womit auch angedeutet sein soll, dass etwa die Vermittlungsversuche der Europäischen Kommission letztlich immer zum Scheitern verurteilt sein werden, solange sie nicht durch die absoluten Spitzen der EU erfolgen - einer EU, die sich als internationale politische Kraft etabliert hat. Hier wirft das Buch jedoch eine Frage auf, die es nicht beantwortet: weshalb computergestützte Konfliktanalysen der AI-Forschung nicht mehr genutzt werden. Aber es besteht die Chance, dass sich das in Zukunft ändern wird: Das European Humanitarian Aid Office (ECHO) der Europäischen Kommission will künftig mit solchen Methoden arbeiten. (Christian Eigner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.11. 2006)

Robert Trappl (Hrsg.)
Programming for Peace. Computer-Aided Methods for International Conflict Resolution and Prevention
Springer 2006

ScienceTalk Spezial
Programming for Peace - was Artificial Intelligence Ansätze zur Bewältigung bewaffneter Konflike beitragen können
Gast: Robert Trappl
Moderation: Christian Eigner
Ort: Salon der Neuen Galerie Graz, Beginn: 19:30 Uhr
  •  Robert Trappl in seinem Arbeitszimmer: Der Wiener Wissenschafter befasst sich intensiv mit künstlicher Intelligenz, versucht über computerunterstützte Analysemethoden die Entwicklung von Konflikten vorherzusagen.
    foto: standard/ch. eigner

    Robert Trappl in seinem Arbeitszimmer: Der Wiener Wissenschafter befasst sich intensiv mit künstlicher Intelligenz, versucht über computerunterstützte Analysemethoden die Entwicklung von Konflikten vorherzusagen.

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