Der Fürst der Finsternis

21. November 2006, 20:46
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Am Mittwoch erstmals im Wiener Kabinetttheater: Salvatore Sciarrinos Oper für ein Puppentheater über den Mörder und Komponisten Don Gesualdo

Wien - Anno 1590, in der Schwärze einer Oktobernacht, begab sich der Fürst auf Jagd. Nicht Hirschen oder Rehe erlegte der edle Don Gesualdo Principe di Venosa in den Fluren seines Stadtpalais' in Neapel - sondern Donna Maria, seine Frau und ihren Liebhaber. Die Aussagen der Dienerschaft über das blutreiche Geschehen füllen die Chroniken der Stadt. Wochenlang wurden die Augenzeugen vernommen. Allein der Prinz, geflüchtet unterdessen auf sein Schloss, 90 Kilometer vor den Toren der Stadt, blieb unbehelligt.

Er stiftete einige Kapellen für sein Seelenheil, ließ, der besseren Sicht auf den anrückenden Feind wegen, den Wald abholzen - und tat sonst, was er am besten konnte: Er komponierte.

Irritierende Düsternis

Bis heute zählen seine Madrigale in ihrer irritierenden Chromatik zum düstersten und verstörendsten, was die Musik der Spätrenaissance dem zeitgenössischen Ohr zu bieten vermag. Nicht zufällig blieb es dem 20. Jahrhundert vorbehalten, seine außergewöhnlichen Werke wiederzuentdecken. Genauer: Igor Strawinksky, der sich nachhaltig für eine Neuentdeckung des Süditalieners einsetzte.

Der übrigens wusste sein selbsterzeugtes Witwer-Dasein auch kompositorisch gewinnbringend zu nutzen: Als Braut Nr. 2 umwarb er mit Erfolg Leonore D'Este aus Ferrara, dem musikalischen Zentrum der Zeit schlechthin - Josquin, Orlando di Lasso, John Dowland und andere verdingten sich hier im Sold des Fürsten Alfonso. Nach einigen Monaten der Inspiration im Norden kehrte er mit seiner neuen Gattin allerdings wieder in die südliche Provinz zurück, um ungestört über seinen eigenen, inneren Klängen zu brüten. Auch den Rest seines irdischen Daseins umwehen die Nebel der Finsternis: Er quälte und misshandelte, heißt es, Leonoren - sich selbst aber ließ er dreimal täglich von zwölf Knaben auspeitschen ...

Ein Leben, das sein Nachleben in Literatur und Oper geradezu erzwingt: Und tatsächlich haben Autoren wie Hanns Henny Jahnn und Wolfgang Hildesheimer sich des Neapolitaners angenommen, Werner Herzog drehte einen Dokumentarfilm an den Stätten des Verbrechens, Alfred Schnittke und Bernhard Hummel schrieben Opern.

Ein Landsmann des Fürsten aber, Salvatore Sciarrino, selbst einer der genialsten Komponisten der Gegenwart, verdichtete die Terribile e spaventosa storia del Principe di Venosa e della bella Maria zu einer 32-minütigen Miniatur-Oper für Puppentheater. 10 Bilder für Saxofon-Quartett, Schlagwerk und Sopran, gewidmet dem sizilianischen Puppenspieler Cudicchio, der als einziger bisher die Erlaubnis des Meisters erhielt, die Oper aufzuführen.

Bis heute. Dank der Freundschaft des Pianisten Marino Formenti zu Sciarrino wird das Werk von heute an im Wiener Kabinetttheater zu hören - und zu sehen sein. Wie immer mit der wunderbaren Puppenspiel-Kunst von Julia Reichert und Christopher Widauer.

Und wie immer in allererster Gastbesetzung: Geleitet von Marino Formenti spielen diesmal Klangforum-Schlagzeuger Berndt Thurner, das Wiener Saxophonquartett, Mezzosopranistin Anna Hauf und, als kommentierender Chronist, Thomas Stolzeti. Wie immer ein Muss. Wie immer nahezu ausverkauft. (Cornelia Niedermeier /DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2006)

Restkarten: 24. und 28. 11., Zusatzvorstellung am 28. 11., 22 Uhr: (01) 310 64 78,
Kabinetttheater
  • Kommentator und Intrigant: Zio Giulio - Ekel, Onkel, verschmähter Liebhaber und Verräter.
    foto: kabinetttheater

    Kommentator und Intrigant: Zio Giulio - Ekel, Onkel, verschmähter Liebhaber und Verräter.

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