Gegen den Mittelstand der Millionäre: René Pollesch im Interview

22. November 2006, 16:56
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Der Theatermacher präsentiert ein neues Stück im Akademiethea­ter: Gegenüber dem STANDARD erläutert er die Widersprüche der "Anything goes"-Gesellschaft

STANDARD: Was verbirgt sich hinter einem Stücktitel wie "Das purpurne Muttermal"?

René Pollesch: Unsere Hausnummer zuerst war Feydeau/Labiche. Drei Schauspieler meines letzten Projekts in Berlin, L'affaire Martin, haben wir jetzt auch in Wien. Bei beiden Arbeiten hatten wir uns überlegt, uns mehr mit der Komödienmechanik als einer guten Theatererfindung zu beschäftigen. Was ist das für ein Räderwerk? Wir wählten dann Le Dindon als Ausgangspunkt, von Feydeau - um uns zu erinnern: Wie lautet der Auftrag? Der Titel klingt nach Geheimnis, nach Edgar Wallace. Das Motiv stammt aus einem Film mit Danny Kaye, wo das purpurne Muttermal am Hintern eines Säuglings die Legitimität eines Thronfolgers verbürgt. Das Mal wird immer wieder gesucht und versteckt. Eigentlich der Titel einer Ritterschmonzette.

STANDARD: Mit Ihrer letzten Berliner Arbeit wurde Ihnen eine Aufweichung der eigenen Prinzipien unterstellt: Diese wären in konventionelleres Theater eingemündet ...

Pollesch: Diese Erweiterungstendenzen haben sehr viel mit den Leuten zu tun, mit denen ich arbeite. Wenn ich mit Caroline Peters, Sophie Rois und Martin Wuttke arbeite, stellen wir uns andere Aufgaben als mit anderen. Ich bin nicht so ein "Originalschöpfer", der ohne Kommunikation mit Schauspielern und Bühnenbildner festlegt, was gemacht wird. Das liest man aber gerne von außen so ...

STANDARD: Pollesch schreibt, inszeniert, legt die Abläufe fest ...

Pollesch: Genau so ist es aber nicht. Seit ich unter besseren Bedingungen arbeiten kann, heißt es: "Das läuft sich tot!"

STANDARD: Oder: "Einmal geht noch!"

Pollesch: Meine Theorie dazu lautet: Die Regisseurin Christiane Pohle hat einmal Clavigo - ich glaube, in Zürich - nur mit Frauen besetzt. Da hieß es im Feuilleton: "Das kann man mal machen, als Fußnote in der Aufführungsgeschichte", und so weiter. Als sie das nächste Stück wieder mit lauter Frauen besetzt hat, sagte man: "Ach, die macht doch immer dasselbe!" Dabei macht sie es immer noch anders als die anderen, wohlgemerkt.

STANDARD: Der historischen Avantgarde, etwa in der Literatur, wurde ja auch beim zweiten Versuch verlässlich vorgeworfen: Sie hätte sich überlebt. Nur der Mainstream darf seine Mittel auf ewig repetieren ...

Pollesch: Das gipfelt aber in der Frage: Was ist Literatur? Da gibt es die Germanisten, die Literaturkritiker: die Professionisten, die uns erzählen, wie Literatur zu sein hat. Dann gibt es aber auch noch diejenigen, die die Literatur produzieren. Da kommt es schon darauf an, von welcher Seite man das betrachtet: Wer nicht nach dem herrschenden Literaturbegriff arbeitet, sondern etwas anderes versucht, der nennt das eben Literatur. Für den ist das Literatur, egal erst mal, was das Feuilleton dazu sagt.

STANDARD: Aber gewisse Modelle gelten eben als normativ.

Pollesch: Es gibt so etwas wie eine "Normalität".

STANDARD: Und alles andere wäre die "Abweichung"?

Pollesch: Aber auch die Kritiker, die im zweiten Jahr über das Avancierte sagen, es sei "langweilig" geworden, die reagieren ganz einfach auf den Markt. Der Betrieb wirft den Produzenten gerne vor: "Ihr macht das wegen des Geldes!" - aber die Kritik, das Feuilleton hat in der Regel die viel stärkere Affinität zum Markt. In Wahrheit haben die Produzenten die Definitionsmacht. Wenn jemand zu mir sagt: "Das, was du da tust, ist kein Theater!", dann interessiert mich das nicht. Wer selbst produziert, dem ist es erst einmal scheißegal, ob man ihm das Künstleretikett zuerkennt.

STANDARD: Sie kontrastieren das exaltierte Agieren Ihrer Schauspieler mit Begriffen, die sozialwissenschaftlich sind. Ihr Theater ist immer auch "Arbeit am Begriff". Jetzt haben wir ein "abgehängtes Prekariat" - die Summe derjenigen, für die es undenkbar ist, eine selbstbestimmte Sprecherposition einzunehmen. Sie verwahren sich vehement gegen Lautsprecherfunktionen für andere. Was tun mit der "Unterschicht"?

Pollesch: Was Sie hier erzählen, kann ich zurzeit mit Texten von Donna Harraway bearbeiten. Eine Biologin, die jetzt sehr stark als Philosophin wahrgenommen wird und sich mit Repräsentationsproblemen auseinandersetzt. Sie sagt beispielsweise: Diejenigen, die über den Regenwald reden, glauben, sie können für den Regenwald reden - alle die Wissenschafter aus Europa und den USA. Und sie fragt, warum die glauben, jene, die dort leben, hätten keine Sprache. Die haben aber eine, sie wird nur als eine geeignete geleugnet. Was ist das für eine Konstruktion? Was für eine Vorrichtung ist die Sprache, dass sie eine Stimme kennt, die für alles reden kann, die sich als "unmarkierte" sieht ...

STANDARD: Dabei tendenziell als enteignende wirkt?

Pollesch: ... und damit sich "den Anderen aneignet". Die weiße, männliche, heterosexuelle Sprache ist derjenige Jargon, der sich selbst nicht als Jargon erkennt. Dessen Sprecherposition ist eine Art Weltraumplattform im All, und die kann quasi für alle sprechen. Das gilt übrigens auch für das Theater: Wenn ein Mann bei der Tür hereintritt, ist er immer ein "Mensch". Er repräsentiert das Ganze. Diese Konstruktion von Lesbarkeit wird auch Thema unseres Theaterabends sein: Wir beschäftigen uns kurz damit, dass Hollywood-Star Sigourney Weaver in einem Film eine Autistin spielt. Sie sagt: Es sei so toll, die Welt mit autistischen Augen zu sehen! Wenn man nur so auf die Welt gucken könnte wie die Autisten, dann wären wir alle bessere Menschen! Das ist diese Toleranz, die dem anderen immer das Glück zuweist. Die mittelständische Position einer Millionärin. (Ronald Pohl /DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2006)

>>>Zur Person: René Pollesch Zur Person: René Pollesch

Der gebürtige Hesse René Pollesch (43) verquickt in seinen atemlosen Theaterperformances das Ethos des ungerührten Gesellschaftsbeobachters mit der Verve des Globalisierungshysterikers: Seine von ihm selbst geschriebenen Stücke (in Wien und Salzburg zuletzt: Hallo Hotel...!, Häuser in Etuis und Cappuccetto Rosso) leben von der Ausschlachtung der Soap- und Fernsehwelten und treiben einen Stamm von fest verabredeten Schauspielern - von der Berliner Volksbühne - regelmäßig in den Furor. Pollesch liefert Partituren für die eigenen Inszenierungen. In Das purpurne Muttermal (Premiere Sonntag im Akademietheater) analysiert er "Komödiantik". (poh/DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2006)

  • Pollesch, der Regisseur bei den Proben zu "Das purpurne Muttermal", das am Sonntag in Wien Premiere hat.
    foto: reinhard werner/burgtheater

    Pollesch, der Regisseur bei den Proben zu "Das purpurne Muttermal", das am Sonntag in Wien Premiere hat.

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