"Offener Unizugang hat ausgedient"

4. April 2007, 13:55
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Sigurd Höllinger, ehemaliger Hochschulsektionschef, im Interview über die schlachtreife "letzte heilige Kuh" der Unipolitik und erhaltenswerte Studiengebühren

Standard: Die Studiengebühren stehen zumindest für SPÖ und Grüne zur Disposition. Sie haben die Einführung mitverantwortet. Sollen die Gebühren wieder abgeschafft werden?

Höllinger: Nein. Finanzschwache, erfolgreich Studierende erhalten die Gebühr ersetzt. Die soziale Absicherung sollte man aber punktuell verbessern und die Studienbeihilfe ausweiten und erhöhen.

Standard: Welche positiven Effekte haben Studiengebühren?

Höllinger: Sie haben Einnahmen gebracht und eine geringfügige, aber wesentliche Neuverteilung des Budgets. Mehr Geld für Unis mit vielen Studenten. Das Bemühen der Unis um Studierende ist stärker geworden, die Studienzeiten kürzer, die Prüfungshäufigkeit hat zugenommen.

Standard: Dass Studiengebühren sozial negativ selektieren könnten, glauben Sie nicht?

Höllinger: Die soziale Verteilung ist unverändert. Zweifellos ist es aber so, dass sich voll Erwerbstätige überlegen, weiterzustudieren. Da ist mehr Unterstützung nötig.

Standard: Heiß umfehdet, wild umstritten ist im Moment auch wieder der „freie“ Unizugang. Wie lautet Ihr Befund dazu?

Höllinger: Der offene Universitätszugang hat ausgedient.

Standard: Wann mutierte denn das „frei“ zur Phrase?

Höllinger: Ich würde sagen, seit mindestens zehn Jahren besteht dieses Problem.

Standard: Die Rektorenkonferenz fordert dringend eine Neuregelung des Unizugangs. Sie selbst sprechen von der „anstehenden unausweichlichen Problemlösung“. Wie würden Sie den Zugang regeln, wenn Sie könnten, wie Sie wollten?

Höllinger: Ich bin für eine starke Vermehrung der Studienplätze, aber auch für Zugangsregelungen. Man müsste Studienplätze bewirtschaften, also feststellen, wie leistungsfähig die Unis sind. Das gehört in den Leistungsvereinbarungen geregelt. Wenn mehr Leute studieren sollen, kostet das auch mehr Geld, und das ist vom Staat zu zahlen.

Standard: Können Sie die Ausweitung quantifizieren?

Höllinger: Wenn man die Spitzenzahlen europäischer Länder heranzieht, müsste man die rund 200.000 Studienplätze um 100.000 aufstocken.

Standard: Soll jeder und jede alles studieren dürfen?

Höllinger: Ja, aber nicht notwendigerweise nur an der Uni und nur in Österreich, auch an Fachhochschulen und in anderen Ländern. Ich bin dafür, dass alle studieren können, aber es kommt nicht so sehr darauf an, dass sie ohne Feststellung der Eignung zugelassen werden, sondern dass sie zum Studienerfolg kommen. Das ist zentral. Wir haben zu viele Studienabbrecher.

Standard: Die Rektoren wollen neben allgemeinen Zugangsregeln das Doktoratsstudium strikt selbst reglementieren.

Höllinger: Diese Zulassungsregelung zum anspruchsvollen PhD-Studium ist eine ganz große Notwendigkeit, um den Standard der Jungforscher entsprechend hoch zu halten .

Standard: Angenommen, ich wäre neue Ministerin und würde Sie fragen: Brauchen die Unis mehr Geld? Was dann?

Höllinger: Ich würde mit einem klaren Ja antworten.

Standard: Und wie viel Geld?

Höllinger: Das sollen sich die Politiker überlegen. Aber wer die Gebühr nicht mehr einheben will, müsste alleine um diese Differenz auszugleichen, zusätzlich 140 Millionen Euro aufwenden. Es wäre wohl klug, wenn man diesen Betrag den Unis wirklich zusätzlich zur Verfügung stellt.

Standard: Was hat der offene Hochschulzugang, den Sie heute als „die letzte heilige Kuh“ bezeichnen, seit der Einführung unter Kreisky geleistet oder aber nicht gehalten?

Höllinger: Der freie Unizugang und die Nachfrage nach höherer Bildung haben eine Vervierfachung der Studierenden gegenüber vor dreißig Jahren zustande gebracht. Das ist sehr viel. Aber es ist zu wenig. Österreich liegt im internationalen Vergleich im unteren Mittelfeld. Die bildungsfernen Schichten müssen noch mehr angesprochen werden. Das kann man gesellschaftspolitisch und wirtschaftspolitisch begründen. Es ist sozial gerecht, und das sind verborgene Begabungen, die zu Arbeitskräften werden.

Standard: Wie erreicht man bildungsferne Schichten?

Höllinger: Wir haben schon zu wenig Maturanten. Da beginnt das Problem. Da würde sicherlich eine gemeinsame Schule für alle Schulpflichtigen sehr nützliche Effekte haben. Die Zahl der Maturanten würde steigen und damit auch die Zahl der Studierenden.

Standard: Das ist ein lupenreines Plädoyer eines Uni-Experten für eine gemeinsame Schule für alle Kinder bis 14?

Höllinger: Ja. Es wäre sozial gerecht und auch wirtschaftspolitisch sehr, sehr zweckmäßig, wenn nicht sogar notwendig.

Standard: Von dieser Erkenntnis haben Sie Ihre letzte Ministerin nicht wirklich überzeugt.

Höllinger: Das war eigentlich nicht meine Aufgabe. Aber das ist ein offener Punkt zwischen Ministerin Gehrer und mir – seit sie Landesrätin war.

Standard: Was ist für Sie der Punkt, wo Gehrer am meisten zu Unrecht geprügelt wurde?

Höllinger: Die Leistung, die wirklich bleibt, ist das Durchstehen der Unireform. Das wird mit ihrem Namen verbunden bleiben. Es zeigt sich ja schon, dass die Reform richtungsweisend ist, von kleinen Korrekturen abgesehen. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD-Printausgabe, 22.11.2006)

  • Sigurd Höllingers schwarz-rote Frohbotschaft: Studiengebühren erhalten und gemeinsame Schule bis 14 einführen.
    foto: standard/corn

    Sigurd Höllingers schwarz-rote Frohbotschaft: Studiengebühren erhalten und gemeinsame Schule bis 14 einführen.

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