Über die Leere der Meere

28. November 2006, 21:10
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Zweimal die Woche Fisch, lautet die Empfehlung der Er­nährungs­experten - die Ressourcen gibt es nicht, warnen die Meeres­biologen - Recht haben damit beide

Fette Meeresfische enthaltenen Omega-3-Fettsäuren die nachweislich Herz-Kreislauferkrankungen vorbeugen und antithrombotisch wirken. Deshalb lautet die Empfehlung der WHO im Kampf gegen kardiovaskuläre Erkrankungen - mehr Fisch als Fleisch. Laut FAO (Food and Agriculture Organization) hingegen sind 75 Prozent der Fischbestände in einem kritischen bis katastrophalen Zustand. Die Meere sind fast leergefischt. Nur 25 Prozent der Bestände können heute noch als gesund bezeichnet werden. Was also tun?

Bedrohte Fischarten im Supermarkt

"Das Problem ist, dass in den Supermärkten viele bedrohte Fischarten liegen", erzählt Nina Thüllen, Kampaignerin und Biologin bei Greenpeace Österreich. "Da haben wir gesagt: So geht es nicht, die Politik hat versagt, die Fischerei- Industrie hat versagt, jetzt müssen die Supermärkte die Verantwortung übernehmen." Deshalb wurden diese, so wie in anderen Ländern auch, angeschrieben und darum gebeten mitzuteilen, nach welchen Regeln sie den Fisch einkaufen. Die Stellungnahmen blieben erwartungsgemäß aus.

"Also haben wir dann im Mai unseren ersten Bericht veröffentlicht, wo bei vielen Supermärkten angemerkt war - "haben nicht geantwortet, haben keine Hinweise auf das Thema." Seither hat sich viel getan. Und der jetzt veröffentlichte Bericht zeigt, dass mittlerweile fast alle mitmachen.

Fisch in den Supermärkten

Nachhaltiger Fischeinkauf sei für die kleinen Märkte wie Norma, MPreis oder Sutterlüty schon Unternehmenspolitik. Die großen wie Rewe, Lidl, Hofer und ADEG seien mit eigenen Unternehmensmodellen nachgezogen. Enttäuscht hat Spar, da das Unternehmen nicht beabsichtige einen nachhaltigen Fischeinkauf einzurichten. Die größte Enttäuschung war aber der "größte Fischhändler Europas", das Unternehmen Metro. Hier konnte Greenpeace trotz gegenteiliger Ankündigungen Fischarten, wie den gefährdeten Dornhai im Verkauf finden, obwohl dieser auf der roten Liste der bedrohten Arten der Weltnaturschutzorganisation IUCN steht. Leider keine Seltenheit.

Fischbestände weltweit

Kritisch ist der Zustand aber nicht nur bei "Exoten", sondern auch bei gängigen Speisefischen wie Scholle, Kabeljau oder Tunfisch.

Die Scholle könne nicht mehr auswachsen und würde viel zu klein gefangen werden, so Thüllen und sei zusätzlich eine zerstörerische Fangmethode, da der ganze Meeresboden umgegraben werde und extreme Beifangraten auftreten. Der Kabeljau der Ostsee und der Barrentsee werde zudem zu einem hohen Anteil illegal gefischt und lande auch als "fangfrischer" Iglo-Dorsch in unseren Kühlregalen.

Die Wahl der Sorten

Der rote Sushi Tunfisch ist Tabu. Der "Tono" aus der Dose hingegen, kann ruhigen Gewissens verzehrt werden, denn "Fisch ist nicht gleich Fisch. Es gibt über zehn kommerziell genutzte Arten, wobei manche kurz vor dem Aussterben sind und andere noch relativ gut intakt sind."

Imagefrage

Die Wahl der Sorten ist für den Waldviertler Fischzüchter Marc Mößmer von der ARGE Biofisch auch Imagesache: "Raubfische haben leider ein besseres Image. Der Verbraucher isst heutzutage hauptsächlich Edelfische. Edelfisch heißt Raubfisch und Raubfische heißt die Spitze der Nahrungskette und das ist eine Biomassevernichtung von eins zu zehn. Das heißt, für ein Kilo Raubfisch brauche ich zehn Kilo andere Fische als Futter."

Zu diesen Sorten zählen Kabeljau, Tunfisch, Wolfsbarsch, oder Schwertfisch. "Statt ein Kilo Raubfisch könnte man zehn Kilo anderer Fische, wie Sardinen und Heringe, essen. Damit wird die Biomasse des Meeres besser ausgenutzt." Konventionelle intensive Aquakulturen, wie es sie bei Kabeljau, Steinbutt, Wolfsbarsch oder Doraden gibt, sind für den Fischzüchter aber keine Lösung.

Fisch aus Aquakulturen

"Aquakulturen sind in den meisten Fällen problematisch bis hochproblematisch. Es wird das knappe Frischwasser verbraucht und es werden viele Antibiotika gebraucht", präzisiert die Greenpeace Biologin, "wir befischen die wilden Fischbestände nicht mehr, aber dass der Fisch in der Aquakultur wiederum mit Wildfisch gefüttert wurde, weiß dann keiner."

Aquakulturen seien einfach eine Massentierhaltung mit Problemen und Krankheiten wie Seeläuse die sich wieder auf die Wildbestände verbreiten würden.

Mögliche Alternativen

Die Empfehlung der Umweltexpertin: "Biolachszuchten sehen wir schon positiver. Generell sind Süßwasserzuchten wesentlich unproblematischer als die Salzwasserzuchten. Das positivste sind sicherlich Karpfen und Biofische aus Österreich, weil der Karpfen ein vegetarischer Fisch ist und Biofisch auf die Nachhaltigkeit achtet. Das heißt, Fischmehl für die Forelle stammt dann zum Beispiel tatsächlich aus Fischresten.

Zu Weihnachten wird heuer Billa erstmals Biokarpfen anbieten. "Da sind wir eigentlich sehr erfolgreich, weil im Waldviertel mittlerweile 50 Prozent der Erzeugung Bio ist", so Marc Mößmer von der ARGE Biofisch. "Das sind 150 bis 200 Tonnen Karpfen und um die 10 Tonnen Forellen, das klingt viel, ist aber von dem was österreichweit produziert wird marginal."

Österreicher sind keine Fischesser

Wobei seiner Erfahrung nach die Österreicher sowieso keine Fischesser sind. Der Fischkonsum in Österreich liegt laut Greenpeace bei 11 Kilo pro Person und Jahr, Statistik Austria rechnet mit sechs Kilo pro Jahr. "Geht man von einem Fischkonsum von 9 Kilo pro Person im Jahr aus, wäre rund ein halbes Kilogramm Süßwasserfisch dabei", so Mößmer weiter. Mit großen Zuwächsen rechnet er in den nächsten Jahren nicht mehr.

Zweimal die Woche Fisch

Die Diskrepanz zwischen der Empfehlung der WHO zum Fischkonsum und der bestehenden Meeresessourcen kommentiert der Fischzüchter kurz und prägnant: "Das geht sich hinten und vorne nicht aus!"

"Für mich als Ernährungswissenschafterin hat die Behebung der nachweislichen Vitamin D-Defizite in unserer Ernährung und die Zufuhr essenzieller Omega-3-Fettsäuren oberste Priorität", so die Sicht der Ernährungswissenschaftlerin Sabine Bisovsky. "Besonders in den sonnenarmen Monaten, in denen man auf die Zufuhr mit der Nahrung angewiesen ist, gilt es dieses Knochenvitamin ausreichend aufzunehmen."

Die MSC-Zertifizierung

Ihre Lösung, die Gesundheit und Nachhaltigkeit in Einklang bringt, wäre der Griff zu MSC-zertifiziertem Fisch. Dieser stamme aus kontrolliert bestandserhaltender Fischerei. Es dürfe nur so viel gefischt werden, wie auch wieder nachwächst. "Je mehr Konsumenten zu Fisch mit diesem Gütesiegel greifen, desto mehr Fischarten werden durch MSC-Zertifizierung in ihren Beständen geschützt."

Glaubhaftes Gütesiegel?

Das MSC "Marine Stewardship Council" Gütesiegel ist eine Erfindung der Industrie und wurde vom weltgrößten Fischverarbeiter Unilever 1997 gemeinsam mit dem WWF iniziiert. Inzwischen wurde daraus eine unabhängige, internationale Non-Profit-Organisation. Das Ziel: Die Fischerei-Management-Praktiken verbessern und Konsumenten mit der "ökologisch besten Wahl bei Fischen und Meeresfrüchten" (the best environmental choice in seafood) zu versorgen, damit die Fischbestände für die Zukunft gesichert sind.

Der wichtigste Kritikpunkt am "Ökolabel" ist für Umweltorganisationen, dass die Zertifizierung zu früh vergeben wird. Es reiche nämlich einen Aktionsplan zu verabschieden, um die Fischerei in der Zukunft zu verbessern. Damit werde, laut Greenpeace, das Vorsorgeprinzip nicht als Kerngedanke der ökologischen Fischerei anerkannt.

Pflanzliche Omega-3-Fettsäuren-Alternativen

"Bei den Omega-3-Fettsäuren gibt es drei verschiedene, von denen zwei nur in Fisch vorkommen. Die dritte im Bunde heißt Alpha-Linolensäure und kommt natürlicherweise vor allem in Leinöl, Leinsamen, Walnussöl, Rapsöl und Sojaöl vor", so die Ernährungswissenschafterin.

Sie empfiehlt Rapsöl statt Sonnenblumenöl und die Verwendung von Walnussöl für Salate. "Das ist aus ernährungsphysiologischer Sicht sehr begrüßenswert". Eine weitere Möglichkeit den Bedarf zu decken – Stichwort Functional food - bestehe ihrer Meinung nach im Konsum entsprechend angereicherter Lebensmittel: "In diesem Segment wird der Markt in Zukunft sicher noch wachsen." (Andrea Niemann)

 

Lebensmittel 100g Omega-3-Fettsäuren g/100g
Leinöl 54,20
Walnussöl 20,90
Rapsöl 09,15
Sojaöl 07,70
Olivenöl 0,86
Lachs 3,57
Makrele 2,29
Hering 2,15
Sardine 1,52
Waller 0.85
Forelle 0,75
Sardelle 0,58
Karpfen 0,57
Rotbarsch 0,55
seelachs

0,48


(Quelle: GU/Elmadfa, Muskat, Fritzsche 2004/2005)

 

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    Empfehlenswert - Hering (siehe Foto), Makrele oder Seelachs

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    Tabu - Tunfisch (siehe Foto), Schwertfisch, Kabeljau und Scholle

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