Oberflächlicher Koloraturen-Mulatschag

21. November 2006, 20:51
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Anna Netrebko als Amina in Bellinis "La Sonnambula" an der Staatsoper

Wien - In der Pause dieser sonntägigen Sonnambula war in der architektonisch rücksichtslos in die Staatsoper gezwängten Cafeteria der Espresso das Getränk der Wahl.

Eine offenbar aus Italien angereiste Dame, die zu berichten wusste, sie sei mit allen Sängern der ursprünglichen Besetzung der Wiener Bohème befreundet gewesen, brachte den Ober mit ihrem Wunsch nach einem doppelten Cappuccino sogar ein wenig in Verlegenheit.

Sie brauche ihn dringend, meinte die Connaisseurin des Schöngesangs, weil die Vorstellung so langweilig sei. Womit sie nicht nur, was den ersten Teil des Abends betraf, tatsächlich Recht hatte, sondern auch gleich vieles von dessen zweitem Teil vorwegnahm.

Im Finale freilich legt unsere frisch gebackene und hoch willkommene Landsmännin Anna Netrebko als Amina erst so richtig los. Wenn auch als frisch vom Nachtwandeln geweckte glückliche Braut startet sie die Schlussszene im feuerroten Kleid vor dem Vorhang mit grandioser Bravour.

Und wieder zurück auf der Bühne veranstaltet sie - eher wie in ihrer russischen Heimat - auf dem Tisch stehend mühelos auch noch mit einem hohen Es um sich werfend einen Koloraturen-Mulatschag, der das Publikum, noch bevor er ganz zu Ende ist, von den Sitzen reißt und in gellendes Jubelgeschrei ausbrechen lässt.

Diese letzten Minuten waren ohne Zweifel ein bewundernswerter, in seiner Intensität sogar aufregender, vom Rest des Abends allerdings ziemlich abgelöster Event.

Freilich knüpfte er an den etwas puppenhaft unwirklichen, artifiziellen Gesamteindruck an, der Anna Netrebko eher wie eine bestens funktionierende Puppe Olympia aus Offenbachs Hoffmanns Erzählungen wirken ließ und nicht als eine zu Unrecht der Untreue verdächtigte Braut.

Nicht ganz verschwiegen sei auch, dass Netrebko, wenn sie in der Mittellage zu singen hatte, ihre Töne nicht immer mit hundertprozentiger Genauigkeit traf und sich damit zeitweise wie ein Korrelat von Simina Ivan, ihrer Gegenspielerin Lisa, ausnahm.

Letztere nämlich ließ gerade in den Zonen der gemäßigten Tonhöhen durch mitunter blühende Intensität aufhorchen, trübte diesen Eindruck allerdings durch eine fast geschlossene Reihe unüberhörbarer Misserfolge beim Aufstieg zu den Hochtönen.

Zirkus statt Oper

Hätte aus dieser Sonnambula ein wirklicher Opernabend und nicht so etwas wie eine praktisch nur von einer einzigen Artistin bestrittene Zirkusvorstellung werden sollen, dann hätten alle mit der stimmlichen Souveränität und mit der darstellerischen Eindringlichkeit präsent sein müssen, mit der Michele Pertusi den Rudolfo ausstattete.

Diese Unaufgeregtheit, mit der er seine Interventionen gestaltete und die auch die sensible Musikalität seines technisch makellos geführten Baritons auszeichnet, hat außer ihm nur noch Janina Baechle als Teresa eingebracht.

Fatalerweise ließ sich an der von Antonino Siragusa überwiegend mit beinah unerträglich enger Kopfstimme gesungener und lächerlich zappelig gestalteter Tenorpartie des Elvino nicht die geringste Spur der vorhin genannten Tugenden wahrnehmen. Mit ihm als eigentlichen Partner Anna Netrebkos brach die Vorstellung vollends ein.

Denn auch aus dem Orchestergraben war keine Rettung zu erhoffen. Unter Pier Giorgio Morandis Leitung stieg aus diesem nicht mehr als ein dynamisch und rhythmisch undifferenzierter Klangbrei auf. (Peter Vujica /DER STANDARD, Printausgabe, 21.11.2006)

  • Hübsch und unverbindlich wie auf einer Postkarte: Anna Netrebko im trügerischen Hochzeitsglück.
    foto: wiener staatsoper/zeininger

    Hübsch und unverbindlich wie auf einer Postkarte: Anna Netrebko im trügerischen Hochzeitsglück.

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