Dinosaurierblähungen am Hochofen

20. November 2006, 20:12
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Die höchst erfolgreiche US-Metalband Tool gastierte auf ihrer Welttournee in der Wiener Stadthalle

Wien - Das Gute zuerst: Wenn einem während eines Tool-Konzerts die Natur kommt und man sich also auf den Weg macht, um sich in einem Örtchen in einem entfernten Winkel der Wiener Stadthalle zu erleichtern und ein paar Minuten später in den Saal zurückkehrt, hat man nicht viel versäumt: Tool mühen sich mit großer Wahrscheinlichkeit noch immer am selben Song ab. Denn die US-Band, die auf ihrer Welttournee am Sonntag in Wien gastierte, um ihr aktuelles, viertes Album 10.000 Days zu präsentieren, ist bekannt und berüchtigt für ihre bis über die Zehn-Minuten-Grenze wuchernden Hochofen-Opern: zähe, monolithische Metalnummern, die aus der Zusammenführung von Metal und Art-Rock entstehen.

Und man ahnt es bereits: Diese Distanzen sind schwerlich gehaltvoll zu bewältigen. Da kann Sänger Maynard James Keenan, der hier auf der Bühne mäßig sexy be-, beziehungsweise entkleidet einen auf geschundene Kreatur in einer kalten feindlichen Welt macht und dabei wirkt wie ein Statist aus Mad Max III, noch so leiden und geifern.

Wie so oft bei Frontmännern, deren Aufgabe sich rein auf den Gesang beschränkt, sind diese etwas bis sehr unterbeschäftigt. Die Ausnahme: Henry Rollins.

Maynard James Keenan, mit Irokesenkamm und nacktem Oberkörper, wirkte in der Mitte der nicht ausgestatteten Bühne nicht nur deshalb verloren. Auch sein drastisch gemeinter Gesang sorgte im Verlauf der statischen Show nicht nur auf den hinteren Plätzen für zusehends lange und immer längere Weile.

Zwar klangen Songs wie The Pot, Schism oder Vicarious aufgrund der grimmiger gespielten Gitarrenriffs des musikalischen Chefs dieser Band, Adam Jones, und einem zur Räude neigenden Bass weit weniger klinisch als auf den sich millionenfach verkaufenden Alben.

Trotzdem wirkte das Quartett wie eine jener zu künstlerischen Blähungen tendierenden Bands aus den 1970ern, denen man damals aufgrund der damit einherschleichenden Schwere das Wort Dinosaurier angedeihen ließ. Eine Entwicklung, die mit Punk einen radikalen Exorzismus erfuhr, der selbst im eher konservativen Metal Wirkung zeigte. Siehe dazu etwa die Band Helmet.

Eine der wesentlichen Inspirationsquellen, die im Vergleich zu den immer weiter ausufernderen Tool in komprimierten Dreiminütern mit ihrem skelettierten Metal ungleich wirkungsvoller waren.

Tool, benannt nach einem Begriff für willenlose G.I.'s in der US-Army, waren bei der Umsetzung ihres hochpräzisen Metal jedenfalls so mitreißend wie das ORF-Wetterpanorama. Die vier Leinwände, auf denen hinter der Band die Visuals ihres zumindest optisch außergewöhnlichen neuen Albums für den Live-Kontext aufbereitet wurden, lenkten nur unwesentlich davon ab, dass hier bald jede Minute zur Geduldsprobe wurde.

Kleine menschliche Regungen wie Keenans Sager "Your boy, Schwarzenegger, won the elections again, congratulations!", täuschten nicht darüber hinweg, dass hier mit viel Mühe ein Pot hochgekocht wurde, dessen Inhalt sich als schale Suppe offenbarte.

Am Ende folgte noch eine Lasershow die den ganzen Saal durchmaß, aber da empfahlen sich schon viele in die Nacht. (Karl Fluch /DER STANDARD, Printausgabe, 21.11.2006)

  • Maynard James Keenan, Sänger von Tool, beim Nachstellen von Emotionen während eines Zehnminüters.
    foto: standardfischer

    Maynard James Keenan, Sänger von Tool, beim Nachstellen von Emotionen während eines Zehnminüters.

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