Das Ende naht? - dot.coms in der Krise

6. Juli 2000, 20:49

IT-Unternehmungen streichen die Endung ".com" aus dem Firmennamen

Die als "Dot.coms" bekannten Internet-Startup-Unternehmen streichen einer nach dem anderen das Anhängsel ".com" aus dem Firmennamen. Oftmals hilft diese Maßnahme gegen steil sinkende Aktienkurse.

Wie die Wirtschaftsagentur Bloomberg berichtet, greifen immer mehr Firmen zu dieser Art der Umfirmierung.

Eine Studie der amerikanischen Wirtschaftsprüfer PriceWaterhouseCoopers ließ vergangene Woche am Neuen Markt die Alarmglocken schrillen. Nicht weniger als 20 der 56 börsennotierten deutschen Internetfirmen, so das bislang unveröffentlichte Papier, drohe das Aus. Genüsslich zitierte der Spiegel aus der für der für die nach der boo.com-Pleite und dem Kursrutsch im Frühjahr ohnehin krisengeschüttelte Branche desaströsen Bewertung. Vorsorgliche wurde in der Online-Ausgabe des Hamburger Nachrichtenmagazins sodann ein Friedhof für dot.coms eingerichtet.

"Todesliste"

Die Börsen reagierten schnell. Spekulationen um die "Todesliste" führten, wie die Welt berichtet, zu beträchtlichen Kursverlusten. So nähert sich etwa der Online-Buchhändler buch.de nach einem veritablen Kurseinbruch in den vergangenen Tagen zügig der magischen Marke von einem Euro. Artnet, E-Bookers und fortune city mussten ähnlich herbe Rückschläge hinnehmen.

Amazon im freien Fall

Vorangegangen war dem deutschen E-Commerce-Gemetzel der Kurseinbruch des führenden Internet-Einzelhändlers amazon.com an der Nasdaq. Nachdem Analysten die Rentabilität des Unternehmens in Zweifel gezogen hatten, verlor der Online-Buchhändler vergangenen Freitag satte 19 Prozent an Wert. Das Branchenmagazin The Industry Standard hob den Kursrutsch vom Besonderen ins Allgemeine und rief an die "Amazon-Frage" angehängt - eine Debatte über die Zukunft des E-Commerce ins Leben. Ebenso wie das Konkurrenzmagazin Red Herring, das das Krachen im Gebälk des virtuellen Handels zu einer Hymne auf die "Schöne neue Wirtschaft" nützte, malte auch das Magazin aus dem Silicon Valley ein zwar skeptisches, aber nichtsdestotrotz zukunftsfrohes Portrait der Branche.

Das sieht Salon-Kolumnist Steve Bodrow nach seinem Besuch beim diesjährigen Rising Tide Summit, nicht anders. Anstatt der - nach dem dot.com-Crash im Frühjahr - erwarteten bedrückten Gesichter traf er beim alljährlichen Stelldichein der Sillicon-Alley-Veteranen auf ausgelassene Fröhlichkeit. "Noch nie war ich so inspiriert wie heute", zitiert er etwa Sillicon-Alley-Report-Herausgeber Steven McCabe Calcanis, und fragt besorgt Sind die CEOs verrückt geworden? (patrick dax/derstandard.at/investor)

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Ist die Party vorbei?
Der jungen Online-Wirtschaft droht eine weltweite Pleitewelle: Die meisten E-Commerce-Firmen, die über das Netz Waren anbieten, produzieren vor allem Verluste. Allmählich geht ihnen das Geld aus ­ selbst Amazon, der Marktführer des Internet-Handels, ist in Gefahr. SPIEGEL

Das letzte Geleit
Firmen, die im Netz groß geworden sind, sollen dort auch in Frieden ruhen. SPIEGEL ONLINE gewährt einigen ein Begräbnis erster Klasse.

Börsianer fürchten Pleiten am Neuen Markt
Spekulationen um "Todesliste" führen zu kräftigen Kursverlusten - Auch Software-Firmen betroffen Die Welt

The Amazon Question
The debate over the viability of the Net's premier retailer is really about the future of e-commerce itself. THE INDUSTRY STANDARD

"Don't worry, be delirious"
Silicon Alley vets take an upbeat attitude toward the dot-com crash. Are they nuts, or what? SALON

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