Schnelle, harte Kinderwelt

22. November 2006, 09:07
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Kinder leben in einer stressigeren, fordernderen Welt als ihre Eltern damals - Viele reagieren darauf mit Gewalt oder Resignation

Wien - "Die Welt gehört in Kinderhände, dem Trübsinn ein Ende, wir werden in Grund und Boden gelacht, Kinder an die Macht", sang Herbert Grönemeyer in den 1980ern. "Kinder an die Macht. Aber welche Kinder wollen wir?" Diese Frage stellte Heide Schmidt, Vorstandsvorsitzende des Instituts für eine offene Gesellschaft, am Sonntag in Wien Elisabeth Menasse-Wiesbauer, Direktorin des Kindermuseums Zoom, Kinderpsychiater Max Friedrich und Kinderbuchautor Thomas Brezina.

"Nicht an die Macht, aber in den Mittelpunkt gehören Kinder", meint Friedrich. Und Brezina ergänzt: "Ich mag den Satz ,Kinder sind etwas ganz Besonderes' überhaupt nicht, sie sind einfach Menschen." Doch wie sieht die Welt aus, in der sich die Kinder heute zurechtfinden müssen? Vor allem schnell, waren sich auf dem Podium alle einig, schnell und (über)fordernd.

Kreative Langeweile

"Was halten wir in welcher Zeit aus?", ist für Brezina die Kernfrage. "Die Kinder schauen fern, spielen an der PlayStation, am Computer, müssen in den Golf-, Geige- und Karateunterricht, in der Schule werden sie gefordert und müssen auch noch schauen, dass sie dazugehören." Kinder mit ihrer eigenen Kreativität wieder zusammenzubringen steht für Menasse-Wiesbauer in ihrer Arbeit im Vordergrund. Sie plädiert daher für eine Rückkehr der Langeweile ins Leben der Kinder, für Lebensräume, die nicht organisiert sind: "Erst wenn ich nicht ständig von außen getrieben bin, entsteht die Frage: Was will ich eigentlich tun?"

Mehr Ungleichheit

Aber die Realität zeige doch, dass Langeweile oft auch der Auslöser für Vandalismus und Gewalt sei, hakt Heide Schmidt nach: "Hat sich da wirklich etwas geändert, oder nehmen wir Gewalt heute nur anders wahr?"

Für Friedrich ist eine Tendenz zu mehr Gewalt eindeutig erkennbar. Und diese gehe Hand in Hand mit einer zunehmenden Unfähigkeit, Gefühle zu lesen - "die eigenen und die der anderen". "Die Ungleichheiten, die wieder stärker werden, führen auch zu Gewalt", ist Menasse-Wiesbauer überzeugt. Man bleibe eben nicht mehr ein Leben lang in dem Kontext, in den man hineingeboren wurde. Und das segmentierte Schulsystem in Österreich fördere Ungleichheit und Gettoisierung noch zusätzlich. Zurück blieben resignierte Kinder. Gewalt entstehe ja auch oft aus Angst. Dabei seien Kinder von Natur aus solidarisch und möchten eine gute Welt machen.

Menasse-Wiesbauer: "Die Schule hat sich seit dem 19. Jahrhundert im Wesentlichen kaum geändert." Dabei werde es immer wichtiger, dass Kinder Wissen bewerten und den Gesamtzusammenhang erkennen können. "Alles muss immer abprüfbar sein, am besten in Multiple-Choice-Tests", sagt Brezina, dabei sei es doch viel wichtiger, "dass Lehrer die Kinder für ein Thema begeistern".

Das Entscheidende bleibe aber der Hintergrund eines Kindes, der müsse stabil und liebevoll sein - egal wie die familiäre Konstellation aussieht. Brezina: "Und wir sollten uns alle mit unserer eigenen Kindheit auseinandersetzen, es wagen, auch die Verletzungen zu betrachten." (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD Printausgabe, 20.11.2006)

  • Gruppenbild mit Mädchen: "Alles ist gut, solange du wild bist!" lautet der Schlachtruf im Film "Die wilden Kerle". Zum kreativen Wildsein ist im Leben vieler Kinder heute nur wenig Raum
    foto: buena vista international

    Gruppenbild mit Mädchen: "Alles ist gut, solange du wild bist!" lautet der Schlachtruf im Film "Die wilden Kerle". Zum kreativen Wildsein ist im Leben vieler Kinder heute nur wenig Raum

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