Mauern sprengend: Kultur - Interview mit Nobelpreisträgerin Toni Morrison

20. November 2006, 11:55
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Ihr Debütroman "Sehr blaue Augen" wurde 100.000-mal gratis in Wien verteilt - am Sonntag kam die streitbare Autorin selbst nach Wien

Wien - Fragen, die ihr missfallen, ignoriert Toni Morrison mit Grandezza. Belanglosigkeiten, hinter denen sie kein aufrichtiges Interesse entdeckt: Zeitverlust. "Was wollen Sie sich ansehen in Wien, Mrs. Morrison?" Ihr Blick wandert, explizit gelangweilt. "Next question, please."

Sonntagvormittag im Roten Salon des Wiener Rathauses - Pressegespräch mit der US-Autorin, deren Debütroman Sehr blaue Augen seit vergangenem Montag in 100.000 Exemplaren gratis verteilt wurde in Wien: Es gibt viele solcher unbeantworteter Fragen. Andere, für deren Beantwortung sie sich minutenlang Zeit nimmt, auch später, im Gespräch mit dem Standard. Eben kommt die Literatur-Nobelpreisträgerin aus Paris, wo sie im Louvre eine Veranstaltungsreihe kuratierte, die sie The Foreigners Home nannte. Konzerte, Film, Tanz - Hochkultur und die Kultur der Straße - Poetry Slam, Gespräche mit Immigranten - vor ausgewählten Gemälden, die Immigration, die Fremdheit zum Thema haben, wie etwa Géricaults Radeau de la Méduse.

Dienstagabend wird sie dorthin zurückkehren, die Gastkuratorin aus Lorain (Ohio), der Arbeiter- und Stahlstadt im Norden der USA, in der Nähe der kanadischen Grenze, in der auch ihr erster Roman spielt. In dessen Zentrum steht ein afroamerikanisches Mädchen, Pecola Breedlove, das, elfjährig vom Vater vergewaltigt, wahnsinnig wird an seinem Wunsch, der Verachtung der Welt zu entkommen durch strahlend blaue Augen, wie sie die Weißen haben. Wie sie die Tochter jener Familie hat, in der ihre Mutter arbeitet, das Mädchen, dem die Mutter statt ihr alle Aufmerksamkeit und Liebe schenkt. Ihre afroamerikanische Mutter Pauline, die als junges Mädchen selbst im Kino saß und Träume von weißer Schönheit zu träumen lernte. "Neben der Idee der romantischen Liebe lernte sie eine andere kennen", heißt es dazu in Sehr blaue Augen, "die physische Schönheit. Wahrscheinlich die zerstörerischsten Ideen in der Geschichte des menschlichen Denkens."

STANDARD: In Ihrem Buch thematisieren Sie den adoptierten Selbsthass schwarzer Frauen in Amerika. Der Roman erschien 1969. Hat sich daran seither etwas geändert?

Morrison: Oberflächlich betrachtet ja. Anders als in meiner Jugend gilt braune Hautfarbe heute als Zeichen von Frische und Gesundheit. Weiße grillen stundenlang in der Sonne, um braun zu werden, nehmen Hautkrebs in Kauf. Braun lässt sich verkaufen, genauso wie die Kultur der schwarzen Gettos - Rap und HipHop. Und Afroamerikaner stehen heute an der Spitze riesiger Unternehmen wie Time Warner oder American Express. Das ist die eine, oberflächliche Seite - die andere heißt Katrina und New Orleans.

STANDARD: Sexismus und Rassismus bleiben Ihre Themen.

Morrison: Als ich 1965 zu schreiben begann, wollte ich den jungen, unterdrückten schwarzen Frauen eine Stimme geben. Niemand schrieb über sie, über ihr Schicksal, ihr Leid. Über die verletzlichen Opfer des täglichen Rassismus. Menschen, die an der Gesellschaft zugrunde gehen, die nicht überleben, aufgrund konkreter sozialer oder religiöser Gegebenheiten. Der Rassismus ist aber oft auch in den Augen der Leser, prägt ihre Lesart: Schildere ich einen schwarzen Mann, der seine Familie verlässt, heißt es - schwarze Männer sind unzuverlässig. Bricht ein weißer Mann auf - und überall in der Literatur verlassen Männer ihre Frauen, ihre Heimat - ist er ein Held, ein einsamer weißer Held: Ulysses zum Beispiel.

STANDARD: Aufbruch und Fremde thematisieren Sie auch in Ihrer Veranstaltungsreihe im Louvre.

Morrison: Ja. Die Heimat des Fremden oder die Fremde als Heimat. Es scheint mir, dass alle Menschen aller Schichten momentan in Bewegung sind, im Aufbruch. Um Arbeit zu finden, um vor dem Hunger zu fliehen. Akademiker, um die beste Universität zu besuchen. Soldaten, um Krieg zu führen. In dieser großen Bewegung ist jeder gezwungen, Stellung zu beziehen zur Frage des Fremdseins. Seines eigenen Fremdseins in der sich bewegenden, sich verändernden Welt.

STANDARD: Bewegung also auch im Sinn technologischen Fortschritts?

Morrison: Die Technologie ermöglicht es heute, dass unterschiedlichste Menschen miteinander kommunizieren, Räume teilen. Gleichzeitig gibt es auch eine gegenläufige Form der "Bewegung": Mauern werden errichtet. Aber wer eine Mauer baut, hat schon verloren. Sie wird immer überwunden werden. Mich aber interessieren nicht jene, die Mauern errichten, mich interessiert es, wie Minderheitskulturen in ihren Gettos, hinter den Mauern, dennoch eine eigene Kultur entwickeln. Eine eigene Kultur, eine eigene Form von Narrativität. Diese Kultur, wie etwa der Rap, sprengt die Mauern und zieht in die Welt. (Cornelia Niedermeier/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 11. 2006)

  • Weiterhin engagiert im Kampf gegen Sexismus, Rassismus und jede andere Form der Errichtung geistiger Schranken: Toni Morrison. Und in dem gegen überflüssige Fragen wie die, ob sie sich in Wien wohl fühle.
    foto: christian fischer

    Weiterhin engagiert im Kampf gegen Sexismus, Rassismus und jede andere Form der Errichtung geistiger Schranken: Toni Morrison. Und in dem gegen überflüssige Fragen wie die, ob sie sich in Wien wohl fühle.

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