Kopf des Tages: Ex-Maoist punktet im flachen Land

14. März 2007, 16:25
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Jan Marijnissen könnte die Sozialistische Partei zur drittstärksten Kraft im lande machen

Seine Popularität ist in der niederländischen Politik ohne Beispiel. Jan Marijnissen ist drauf und dran, seine Sozialistische Partei bei den Parlamentswahlen am Mittwoch zur drittstärksten politischen Kraft des Landes zu machen. Von den zweitplazierten Sozialdemokraten trennen ihn allen Umfragen zufolge nur noch wenige Prozentpunkte.

Erfolgreich kombiniert der 54-jährige gelernte Schweißer klassenkämpferische Rhetorik ("die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer") mit kleinbürgerlichem Provinzialismus. Beredt kritisiert er die soziale Kälte der rechtskonservativen Regierung und wettert, wie seine Kollegen am rechten Rand des Parteienspektrums, gegen den europäischen Superstaat, der es auf die Unabhängigkeit der Niederlande abgesehen habe.

Jan Marijnissen hat das politische Handwerk von der Pike auf gelernt. 1972 gründet der Aktivist aus katholischem Hause mit ein paar Freunden die den Lehren von Mao verpflichtete Sozialistische Partei. Drei Jahre später sitzt der Facharbeiter im Gemeinderat seiner Heimatstadt Oss. "Damals habe ich gelernt, wie wichtig es ist, die politische Arbeit in den Gremien mit Protestaktionen auf der Straße zu verbinden", sagt er.

Als Marijnissen 1989 den Einzug in das niederländische Parlament verpasst, baut er seine chaotische Aktivistentruppe zu einer straff organisierten Kaderpartei um. Von den Mitgliedern verlangt der Chef bedingungslosen Einsatz und einen ansehnlichen Teil ihres Einkommens. Auch seine neun Parlamentsabgeordneten - 1994 gelang der landesweite Durchbruch - liefern mehr als die Hälfte ihres Abgeordnetengehalts an die Parteikasse ab. Glaubt man verstoßenen Parteigängern, so mischt sich der Patriarch sogar in die Partnerwahl seiner Genossen ein.

Marijnissen setzt alles daran, sich nicht von den Ansichten und Vorurteilen der "Massen" zu entfernen. Wenn er es für opportun hält, redet er ihnen auch nach dem Mund. Mit seinen Tiraden gegen Europa hat Marijnissen wesentlich zum Sieg der Verfassungsgegner beim Referendum vor eineinhalb Jahren beigetragen. Seine unverblümt nationalistischen Argumente machten den Ex-Maoisten auch für Anhänger des ermordeten Rechtspopulisten Pim Fortuyn interessant.

Aus den Kontroversen über den Umgang mit dem radikalen Islam, die die niederländische Politik nach der Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh beherrschten, hat er sich bewusst herausgehalten. Kritik an der Ausländerpolitik der Regierung gehört nicht zu seinen Prioritäten. In den vergangenen Monaten hat der Atheist Marijnissen in Interviews und Talkshows unermüdlich seine christlich-katholischen Wurzeln betont. Franz van Assisi sei sein großes Vorbild, beteuerte er. Marx und Mao haben ausgedient. (Barbara Hoheneder/DER STANDARD, Printausgabe, 20.11.2006)

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    foto:ao/peter dejong
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