Jünger lang leben

26. Juli 2007, 14:07
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Glaubt irgendwer ernsthaft, dass das gleiche Pensionsalter für Andreas Khol, Jahrgang 1941 und Laura Rudas, Jahrgang 1981 gerecht wäre?

Der deutsche Bundespräsident Köhler zitierte auf dem „Forum demographischer Wandel“ ein afrikanisches Sprichwort: „Die beste Zeit, einen Baum zu pflanzen, war vor 20Jahren. Die zweitbeste Zeit ist jetzt.“ Manche haben nie Zeit für Zukunft. Etwa, unser Leben – und das Pensionssystem – langfristig an Langlebigkeit und Alterung anzupassen. Ist es nicht sehr seltsam, es normal zu finden, im Jahr 2046 im gleichen Alter in den Ruhestand zu wechseln wie 2006, 1956, 1866 oder 1781? Frauen in Österreich zur Jahrtausendwende lebten 2001 allein seit 1990 um 2,7 Jahre, seit 1980 um 5,1Jahre, seit 1960 um 9,6Jahre länger. Das ist mehr, als eine wundersame Eliminierung der Haupttodesursachen, Herz-, Kreislauf- und Krebserkrankungen, an zusätzlicher Lebenszeit bringen würde. Seit der Jugend meiner Großmutter stieg die Lebenserwartung über 30Jahre. Männer haben 1994–2004 sogar 3,5 Jahre hinzugewonnen. Jünger durch langes Leben heißt: Wir „altern“ jedes Jahr – je nach Alter – individuell nicht einmal acht bis neun Monate. Eine Art „Winterschlaf“-Vierteljahr pro Jahr, in dem wir zwar chronologisch, nach der Geburt, aber nicht biometrisch-prospektivisch, vom Lebensende her altern. John Hills von der britischen Pensionskommis-sion hatte nach Abschluss der Arbeiten im Jahr 2006 aufgrund verbesserter Sterbetafeln mehr Restlebenserwartung als zu Beginn (2003). Und gesunde Lebensjahre nehmen mehr zu als die Lebenserwartung insgesamt. Ein 50-Jähriger ist heute kein „ehrwürdiger Greis“ wie zu Goethes Zeiten. Junge „Senioren“ sind heute so jung an Erlebenswahrscheinlichkeit und fernerer Lebenserwartung wie 45-Jährige 1956, als das ASVG eingeführt wurde. Deutsche werden bis 2029 circa fünf bis sechs Lebensjahre gewinnen, also selbst bei „Rente mit 67“ jünger sein als 62-Jährige heute und den Ruhestand länger genießen. Denn paradoxerweise verjüngt sich die alternde Gesellschaft und wir mit ihr: Bis 2040 steigt das mittlere Alter, das die Bevölkerung in zwei gleich große Hälften teilt, von 39,9 auf 50,6 Jahre, wobei aber die knapp 51-Jährigen dann noch 43 Jahre vor sich haben werden, um 3 Jahre mehr als 40-Jährige heute, 34-Jährige 1960 – so viel wie Neugeborene um 1900. Dasselbe gilt für das Pensionsalter: 73-Jährige werden 2050 so lange weiter leben wie 65-Jährige heute. Die gleiche Pensionsdauer von rund einem Vierteljahrhundert (Männer 21, Frauen 27Jahre) würde demnach eine Erhöhung des Regelalters von sechs bis acht Jahren ohne jede Wohlstandseinbuße erlauben. Dagegen ist ohne Langlebigkeitsautomatik wie in Schweden weder die „Leistungsgarantie“ des Pensionskontos noch die Beitragsstabilität garantiert. VP-Seniorenbundobmann Khols Lebenserwartung wird ihn nach heutigem Wissen mindestens ins 84.Lebensjahr plus vieler Jahre Oberschichtbonus bringen. Die jüngste SP-Landtagsabgeordnete Rudas dagegen kann im Alter von Khol über 26 weitere Jahre, also ein 92. Lebensjahr plus Jahre an Mittelschichtbonus erwarten – die Hälfte ihres Jahrgangs wird deutlich älter werden. In ihrer Generation werden zigtausend Hundertjährige sein, etwa 750-mal so viele wie 1950. Glaubt irgendwer ernsthaft, dass das gleiche Pensionsalter für Andreas Khol, Jahrgang 1941 und Laura Rudas, Jahrgang 1981 gerecht wäre? Dass Frau Rudas 2046 mit 65 ab-schlagsfrei in Pension kann? Dass es sinnvoll und fair ist, 2046 dieselben Altersgrenzen zu haben wie 1866 oder 1956 oder 2006? Und dass es für Junge überhaupt ein Thema sein kann, 2046 bis 67 oder 70 zu arbeiten? (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe, 20.11.2006)
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