[dag] Wir brauchen Nebel

17. November 2006, 20:20
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Erst im chronischen Frustfrösteln und Frostfrusteln berechtigt sich das Dasein des Ostösterreichers

Mit Verspätung ist er nun doch noch eingetroffen, der Novembernebel, der Österreichs Becken unter jene feuchte Glocke hängt, die das dort ansässige Gemüt benötigt, um unter Labor-bedingungen Mieselsucht, den Charme des gerechten Inländers, zu entwickeln. Mieselsucht ist notwendig, um via Weihnachten nach Ostern zu gelangen, ein splittiger Weg, der nur über die Reflexion des Unwirtlichen funktioniert, über ein ständiges Vor-sichhin-Murmeln der widrigen Umstände, die einen schon im Stiegenhaus packen, ins Freie schleifen und dort dem Grau des Alltags aussetzen. Erst im chronischen Frustfrösteln und Frostfrusteln berechtigt sich das Dasein des Ostösterreichers (vor allem des Wieners). Es macht ihn immun gegen Kälte, Dunkelheit, in den Gatsch gegrätschte Hundstrümmerln und in den Sand gesetzte Banken und Regierungen. Kleben die Schwaden über den Ebenen, stimmt das Barometer. Fehlt der trübe Schleier, sind die Bürger verunsichert. Sie lächeln ängstlich, haben das Gefühl, ertappt zu werden, wie es ihnen gerade zu gut für die Jahreszeit geht.

Also bitte, Nebel, verdichte dich! Damit wir uns, psychisch robust, bis ins Frühjahr granteln können. (Daniel Glattauer, DER STANDARD - Printausgabe, 18./19. November 2006)

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