Auf den ersten Blick

20. November 2006, 22:52
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Gut gebaut: Evelyn Schlags Roman "Architektur einer Liebe"

Die Wirtschaft hat die Generation "50 plus" als marketingtechnische Zielgruppe in einer angeblich überalterten Gesellschaft längst entdeckt. Höchste Zeit also, dass auch Schriftsteller Menschen jenseits der Lebensmitte verstärkt zu Protagonisten ihrer Bücher machen. Die niederösterreichische Autorin Evelyn Schlag, Jahrgang 1952, stößt mit der Architektur einer Liebe in diesem Sinn in eine belletristische Marktlücke vor: Im Mittelpunkt ihres neuen Romans stehen ein Mann und eine Frau um die fünfzig, die noch dazu die große Liebe miteinander erleben. Und das ist selbst zwischen Buchdeckeln keine Selbstverständlichkeit, leidet der Literaturbetrieb doch bis heute unter einem Romeo-und-Julia-Syndrom und stellt sich die ultimative Leidenschaft mit Vorliebe als Angelegenheit junger Leute vor.

Zunächst weist allerdings auch im Lebensentwurf von Vittoria Monti nichts auf eine nennenswerte Romanze im fortgeschrittenen Alter hin. Zu sehr ist die "nomadisierende Einzelkämpferin" mit Headquarter in Paris damit beschäftigt, als "Kriegerin der Einsamkeit" ihren Rang als Stararchitektin zu verteidigen. Ob Shopping-Malls in Frankreich oder eine "Kathedrale der gekauften Wissenschaft" zur Huldigung neuer Götter wie DNA oder Genom in den USA: Die Weltbürgerin aus einer italienischen Familie ist groß im globalen Geschäft und noch lange nicht am Ende ihres Ehrgeizes angelangt. Definitiv in die Architekturgeschichte einschreiben könnte sie sich, wenn sie den Wettbewerb um den Neubau des St. Petersburger Marinskij-Theaters gewinnt.

Von der ersten Skizze bis zur virtuellen Besichtigung des fertigen Gebäudes am Computer erfährt man bei der Romanlektüre einiges über das Handwerk avancierter Architekten und ihres zu hochtrabender Terminologie und nebuloser Metaphorik neigenden Theoriejargons. Zwischen "floating architecture" und "umgangssprachlichem Bauen" fließt der Raum und wird die Wand osmotisch zur mit Information aufgeladenen Membran. Außerdem lernt der Leser mit Venturi von Las Vegas und bekommt mitgeteilt, dass Ando seinen Hund Le Corbusier genannt hat und ein anderer der elitären "Maurer, die Latein gelernt haben" (Adolf Loos), seinen Uhu womöglich Achleitner. Ob man die zahlreich ins Romangeschehen eingestreuten Insider-Schmähs, Zitate und klugen Sprüche, um die Architekten zumindest im Roman selten verlegen sind, eher bereichernd oder ermüdend findet, wird wohl nicht zuletzt davon abhängen, ob ein gewisses Interesse am planenden Milieu besteht.

Evelyn Schlag spart in ihrer kenntnisreichen Schilderung der Architekturszene jedenfalls nicht mit ironischen Seitenblicken auf Eitelkeiten und professionelle Deformationen dieses Berufsstandes: Wenn die zweite Hauptfigur Wolf Lewinter, ein im feinen Unterschied zu Toria nur in der B-Liga spielender Wiener Architekt, mit seinem elfjährigen Sohn fernsieht, langweilt er diesen mit vortragsartigen Vergleichen des Bürohochhauses in einer Zeichentrickserie mit real existierenden Gebäuden.

Die junge Freundin eines alternden Bauherren erscheint wie eine "transparente Motte", die ihr Haar kurz schneiden hat lassen, "entweder beim Friseur im Supermarkt oder bei jemand ganz Teurem". Einer US-Plutokratin fällt beim Kinobesuch vor allem auf, dass Jack Nicholsons Gesicht in About Schmidt voller Adern ist, und von den US-Präsidenten blieb ihr nicht viel mehr als deren Frisur in Erinnerung. Ansonsten isst die Upper Class Schwertfisch auf einem Bett von Mirepoix, schlägt die Zeit mit Aromatherapie und Kundalini Yoga tot oder fährt "achtmal im Jahr in umzäumte Reviere in Militärdiktaturen auf Urlaub". Nachdem die globalisierten Umtriebe der Oberschicht leider nicht immer so witzig und boshaft eingefangen werden, droht der ansonsten glänzend geschriebene und klug konstruierte Roman manchmal eine unangenehme Metamorphose zur Rosamunde-Pilcher-Schmonzette für ästhetisch gebildete Stände.

Den tatsächlichen Absturz ins "Reich und Schön"-Genre verhindert dann nicht zuletzt Evelyn Schlags viel gerühmter Sinn für die Gesten der Liebe, die sensibel in Worte übersetzte Körper-Semiotik der Zuneigung. Wohl nicht ganz zufällig trifft der seit einer flüchtigen, stummen ersten Begegnung in Toria verlieb- te Wolf im Flugzeug eine Zisterzienserin, die dem Architekten die Grundzüge der "Sign Lan- guage" erklärt und ihre eigene Berufung auf das einstige Betrachten eines Reliefs zurückführt. Ein Kunstwerk, auf dem ein Engel einen der Heiligen Drei Könige sanft antupft, um ihm die Geburt jenes Gottessohns anzuzeigen, von dem gesagt wird, seine Botschaft sei die Liebe. Selten noch hat jemand das, was Liebe auf den ersten Blick genannt wird, so nuancenreich zu Sprache gebracht - mithilfe eines allerdings nicht bloß naturalistischen Sekundenstils, der das erotische Urereignis umkreisend rekonstruiert.

Wie ein fernes Echo von James Joyce' Erzählung "The Dead", in der die eigentliche, wesentliche Begebenheit ganz an den narrativen Rand gedrängt wird, klingt auf den letzten Seiten des Romans übrigens noch eine zweite Lovestory an. Die Geschichte einer unerfüllbaren Liebe ohne Stararchitektur, Dollarmillionen, Stahltonnen und Hochglanzmagazinartikel mit der Überschrift "La reine du béton". Eine, die mehr zu berühren vermag als die auf den hunderten Seiten zuvor erzählte, allerdings auch eine, die ohne jene wohl selbst in Buchform nicht existieren könnte. (Ewald Schreiber/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.11.2006)

  • Evelyn Schlag: "Architektur einer Liebe"Euro 22,10/ 364 Seiten. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2006.
    foto: paul zsolnay verlag

    Evelyn Schlag:
    "Architektur einer Liebe"
    Euro 22,10/ 364 Seiten. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2006.

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