Tyrannei in Tirana

20. November 2006, 16:42
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Ismail Kadares meisterhafter Roman über totalitäre Macht und Gestik: "Der Nachfolger"

Ich lag zu diesem Zeitpunkt bereits im Leichenschauhaus, und sie taten so, als ob nichts geschehen wäre", erzählt ein Ich im letzten Kapitel und kümmert sich nicht um die Behauptung, dass der Satz "Ich starb" der schlechthin unmögliche sei. "Mein Leben war kein menschliches", erklärt dieser Spitzenfunktionär inhumaner Herrschaft, "der Nachfolger", der wie "der Führer" nie beim Namen, immer mit der Funktion benannt ist.

Nachdem Ismail Kadare 1973 Der große Winter, seinen Roman, der dem Diktator Enver Hoxha eine bessere Maske reichen wollte, publiziert hatte und von der Partei sowie von der Presse in Albanien heftig angegriffen worden war, legte er 1974 die Erzählung November einer Hauptstadt vor, in der er die Befreiung Tiranas durch die Partisanen schildert. Eine der Hauptpersonen ist Mehmed Shehu, der dann 1981, nach über zwei Dezennien als Ministerpräsident, in Ungnade fiel und zu Tode kam. Bis heute bleibt unklar, ob er den Freitod gewählt hat oder liquidiert wurde.

Auf seine Geschichte, jene seiner Familie und anderer Albaner im Bannkreis dieser Vorfälle um eine wilde Winternacht bezieht sich Kadare 2003 in seinem Roman Der Nachfolger. In der Übersetzung von Joachim Röhm ist er nun auf Deutsch erschienen: eine meisterhafte Prosa, eine schlüssige Anordnung der narrativen Stränge, die beeindruckende Darstellung von Archetypen im konkreten Gewand. "Man hatte oft genug erlebt, wie sich Kampagnen entwickelten, die mit ganz unspektakulären, fast harmlosen Schlagworten . . . gestartet worden waren. Es begann mit einer Versammlung im großen Saal der Oper und endete auf einer Kiesbank am Stadtrand von Tirana vor dem Erschießungspeleton." Das unverfroren Verfrorene und das Wortgeregelte des Regimes, das Undurchsichtige dient dem Tyrannen, der niemand neben sich dulden will, außer seiner Frau im Hintergrund, und jedwedes Verhalten zur Verschwörung erklären kann. Die Theorie des Komplott greift immer, sie ist seit jeher ein menschlicher Versuch, einen Sinn im Verhalten zu finden. Die alten Epen sind aus den Schulbüchern getilgt, nach ihren Mustern funktionieren die Inszenierungen, jene der Selbstkritik und des Führers als Orakel.

Eine knappe Vorbemerkung verweist auf Überzeitliches, und wie alt die Schule der Diktatoren ist, geben eingearbeitete Mythen und Legenden zu bedenken. Konzentriert, wiewohl äußerst vielschichtig führt Kadare in sieben Kapiteln ein Exempel totalitären Schreckens aus, bis zu des Toten abschließender Warnung: "daß wir (so wie die Mörder in das schlafende Dorf einfallen) zu eurem Unglück wiederkehren, Masken vor dem Gesicht, die Hände immer noch blutig, ohne Reue, ohne Vergebung, ohne Trost."

Der Roman beginnt in hoher Draufsicht. Die Nachricht vom "Selbstmord" des Nachfolgers "breitete sich aus über einen endlos weiten Dezemberhimmel, in dessen Mitte etwas wie ein Zorn aus Wolken reglos ausharrte." In Albanien zeigt man zunächst Bestürzung, die Menschen hängen an den Bildschirmen. Sie, die sie gewohnt sind, jede Regung der Macht zu interpretieren, sie, die sie den jahrhundertealten "Kanun", die Blutrache, kennen, fragen sich, was dies nun bedeuten und bringen werde. Ebenso im Dunkeln tappen die ausländischen Agenturen und Agenten. Über dieses Land, das nach den Zerwürfnissen mit Tito, der Sowjetunion, China abgeschottet ist, weiß man wenig. "Manchmal ist von einer Million Albaner die Rede, manchmal auch von sieben", steht in einer Akte, darunter die Bemerkung "Sehr sonderbar". Die Annahmen der "Analysten" geben mehrmals im Roman die Außensicht, die satirisch und ebenso opak wie die inneren Vorgänge erscheint. Die Tragödien bilden ihre Szenen in der Abgeschlossenheit eines eigenen Kosmos, in Angst und Stille.

Den Fall des Nachfolgers ließen manche Anzeichen seit dem Herbst erahnen. Dabei spielt die aufgelöste Verlobung der Tochter eine wesentliche Rolle ("seit tausend Jahren war es in diesem Land absolut verpönt, von einmal getroffenen Heiratsvereinbarungen wieder abzurücken"). Aus deren, Suzanas, Perspektive sind der Anfang im zweiten und das dritte Kapitel erzählt.

Dazwischen kommen die Offiziellen in den Blick, der Innenminister, ein Gerichtsmediziner und der Architekt, der die Villa des Nachfolgers gebaut hat und von hier, wie man munkelt, einen Tunnel zum Anwesen des Führers. Der Führer hat zu jedem und zu allem Zugang, während er sich selbst bedeckt hält. Zu den merkwürdig ausgesuchten Menschen, die sich an bedeutenden Orten versammeln müssen, spricht er aus einem Tonbandgerät, um des Nachfolgers Fehlverhalten in alle Köpfe zu reden.

Mit Suzanas "süßen Erinnerungen" an ihr reges Intimleben, das ihr Vater, der Nachfolger, der Parteidisziplin unterwirft, schildert Kadare, wie weit diese Macht ins Private reicht. Dabei gerät er knapp an den Rand des Sentimentalischen - um darauf die Internierung der Familie umso heftiger zur Wirkung zu bringen. Er schafft eine bis zur Wucht des Schlusses stets sich steigernde Handlung voller Paranoia, Angst, Verfolgung, der auch der Innenminister zum Opfer fällt.

Alles wirkt vom Führer gelenkt, durch geheimnisvolle Andeutungen und kleine Signale. Steht der Sturz eines Politikers bevor, wird jene Sitzung des Zentralkomitees, bei der die Selbstkritik erfolgen muss, in die Länge gezogen. Allerlei bespricht man, während der befohlen Zerknirschte zu warten gezwungen ist, bis zur Dunkelheit die Schuldsätze im Kopf wälzend. Dann zieht der Führer seine Uhr: Es sei spät, man möge morgen fortsetzen. Die folgende Nacht, ja schon das Ziehen der Uhr überlebt keiner der Beschuldigten.

Diese Gesten und Strategien stellt Kadare im fünften Kapitel aus der Innensicht des Führers dar, bevor er dem Ich des Architekten, der Vorbilder im alten Ägypten und im französischen Feudalismus bedenkt, und am Ende dem Ich des toten Nachfolgers das Wort gibt. So ersteht ein bedrückendes Panorama, das ohne jedwede epische Breite umfassend wirkt. Eine Tragödie der gestürzten Mächtigen und der kleinen Mitgehangenen. Der Gerichtsmediziner, der die Autopsie des Nachfolgers durchführen muss, versteht schnell: "Sie waren alle verloren, das stand fest." Dass seine Spur im Roman nicht mehr auftaucht, belegt die Richtigkeit der Befürchtung. Auch diese kleine narrative Geste zeugt von der großen Kunst des Ismail Kadare. (Klaus Zeyringer/ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.11.2006)

  • Ismail Kadare: "Der Nachfolger".Roman.  Aus dem Albanischen v. Joachim Röhm.  ¬ 19,50/174 Seiten. Ammann Verlag, Zürich 2006.

Tipp: In der Reihe "Transflair" liest und spricht  Ismail Kadare (gedolmetscht von Joachim Röhm) mit  Barbara Frischmuth am Donnerstag, 23. November, 20 Uhr, im Literaturhaus Krems/Stein.
    buchcover: amman

    Ismail Kadare:
    "Der Nachfolger".
    Roman. Aus dem Albanischen v. Joachim Röhm. ¬ 19,50/174 Seiten. Ammann Verlag, Zürich 2006.

    Tipp:
    In der Reihe "Transflair" liest und spricht Ismail Kadare (gedolmetscht von Joachim Röhm) mit Barbara Frischmuth am Donnerstag, 23. November, 20 Uhr, im Literaturhaus Krems/Stein.

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    buchcover: amman
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